Lexikon der Filmbegriffe

différance

von frz.: différer = verzögern, abweichen, (sich) unterscheiden; auch: verschieben

In seinem Buch De la grammatologie (1967) wandte sich der französische Philosoph Jacques Derrida vehement gegen den Logozentrismus des westlichen Denkens von der Antike bis zu den modernen Sprachphilosophen, dabei Gedanken von Nietzsche und Heidegger aufgreifend. Das die Wahrheit verbürgende und festlegende Wort ist nach Derrida essentiell ein mündlich gesprochenes Wort, das wesenhaft mit seinem Urheber verbunden und durch ihn verbürgt und darum wahrheitsfähig ist. Er postulierte dagegen die Priorität des Schriftlichen, um der Notwendigkeit zu entgehen, mit der vom gesprochenen Wort auf das sinnstiftende Subjekt zurückgegangen werden muss, weil – wie schon gesagt – das Gesprochene erst in ihm Wahrheit und Bedeutung findet. Zur Fundierung seiner auf Schrift fundierten Bedeutungstheorie entwarf er ein Zeichenmodell, das eine Verdrängung des Signifikats durch den Signifikanten behauptete, keine Stellvertretung (wo das Wort Baum ist, ist der Baum selbst nicht da). Aus dem kausalen Nacheinander von Sachen und Zeichen (erst sind die Dinge da, dann die Zeichen) wird bei Derrida eine Ersetzungs- oder Verschiebeprozedur: Die Zeichen verschieben den Sinn von den Dingen auf sich selbst resp. auf die Sphäre der Zeichen. Der außersprachliche Bezug bricht zusammen, das Differenzierungssystem der sprachlichen Zeichen ist das ordnende und erschließende Instrumentarium, mit dem Realität angeeignet wird - und das Spiel der Bedeutungen hört nie auf, weil ja außersprachliche Bezüge fehlen, die zur Vereindeutigung dienen könnten. Derridas Theorie ist im Poststrukturalismus von einigem Einfluss gewesen, bis zur Theorie der Simulakra bleibt die Auflösung der Bedeutung in einem Netz von Zeichenbezügen spürbar.
Différance ist ein populär gewordenes Kunstwort, mit dem Derrida spielerisch die unterschiedlichen Bedeutungen des französischen Verbs differer (verschieden sein / aufschieben) andeutete und so die Differenz von Sprache und Schrift zu markieren suchte - phonetisch sind nämlich différance und difference ununterscheidbar; erst die Schrift deckt den Unterschied auf. 

Literatur: Derrida, Jacques: De la grammatologie. Paris: Éd. de Minuit 1967., Dt. 1974, engl. 1976. – Derrida and “Différance”. Ed. by David Wood and Robert Bernasconi. Coventry: Parousia Press 1985. Repr. Evanston, Ill.: Northwestern University Press 1988. – Harvey, Irene E.: Derrida and the economy of différance. Bloomington: Indiana University Press 1986. – Brunette, Peter / Wills, David: Screen/play. Derrida and film theory. Princeton, NJ [...]: Princeton University Press 1989.
 

Referenzen:

Dekonstruktion

Poststrukturalismus

Simulacrum


Artikel zuletzt geändert am 17.01.2012


Verfasser: HJW


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