Lexikon der Filmbegriffe

Katharsis

von griech.: kátharsis oder auch katharmós = Reinigung, Sühnung; ursprünglich im medizinischen Sinn gebrauchter Terminus

Der wirkungspsychologische und -funktionale Zentralbegriff der Tragödientheorie des Aristoteles ist Katharsis. Sie löst die fatalen Konflikte Tragödie auf, indem sie eine „Reinigung“ des Zuschauers von den Affekten des „Jammern und Schauderns“ (griech.: éleos und phóbos) bewirkt, die den Zuschauer im Verlauf des Spiels ergreifen. Jammern und Schaudern sind in erster Linie als seelische Erregungszustände aufgefasst, die sich in heftigen körperlichen Prozessen äußern. Die Wirkung der Tragödie ist in dieser Auffassung zum einen dem psychotherapeutischen Prozess verwandt – indem sie Gelegenheit zur Befreiung aufgestauter Affekte durch die befreiende Affektentladung gibt und das damit verbundene psychisch-physische Lustgefühl (griech.: hedone) ermöglicht; in der Summa findet eine seelische Stabilisierung des Zuschauers auf ein sozialverträgliches Mittelmaß statt. Zum anderen ist die Katharsis als eine moralisch-ethische Reinigung zu verstehen. Lessing etwa hat in diesem letzteren Sinne phobos und eleos mit ‚Furcht‘ und ‚Mitleid‘ übersetzt und das Katharsis-Prinzip als Veredelung dieser Affekte resp. als Verwandlung von Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten interpretiert und die Rezeption der Tragödie damit der sittlich-geistigen Bildung (griech.: paideia) zugewiesen.
Die Katharsis-These spielt heute in der Wirkungsdebatte vor allem gewalthaltiger Filme eine wichtige Rolle und gilt als eine der wichtigsten Wirkungsannahmen: Durch das Betrachten von Gewalthandlungen auf dem Bildschirm wird der Aggressionstrieb entschärft, es findet eine symbolische Ableitung realer Aggressivität statt, die Seele wird „gereinigt“, so dass Gewaltdarstellung durchaus positive soziale Auswirkungen haben kann.

Literatur: Abdulla, Adnan K.: Catharsis in literature. Bloomington: Indiana University Press 1985. – Flashar, Hellmut: Die medizinischen Grundlagen der Lehre von der Wirkung der Dichtung in der griechischen Poetik. In: Hermes 84, 1956, S. 12-48. – Freitag, Burkhard: Katharsis. In: TV Diskurs 9, 1999, S. 18-27. – Luserke-Jaqui, Matthias (Hrsg.): Die Aristotelische Katharsis. Dokumente ihrer Deutung im 19. und 20. Jahrhundert. Hildesheim [...]: Olms 1991.


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: JH


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