Lexikon der Filmbegriffe

Inkognito

Wenn der wahre Name geheim gehalten wird und man als ein anderer scheint als der, der man ist – ein komödiantisches Motiv, das ebenso die kleinen Leute, die gelegentlich so tun, als seien sie groß, wie die großen Leute, die sich im Film immer wieder inkognito unters Volk mischen. Derartige Geschichten gehören in die 1950er Jahre, sie würden heute kaum noch tragen. Wenn in der dänischen Komödie Ein Mädel zum Küssen (1956) eine arme Näherin einem ebenso armen Studenten mit einem geliehenen Kleid den Glanz des Reichtums vortäuscht, und wenn dieser dem Mädchen seinerseits mit einem geliehenen Auto und seinem Smoking imponiert, dann wird ein Blick auf ein Selbstbewusstsein möglich, das Schein und Sein scharf kontrastiert. Als in dem märchenartigen Film die ernüchternde Aufklärung erfolgt, ist die Liebe zunächst gefährdet. In Nichols‘ Working Girl (1988) nimmt eine Sekretärin heimlich für eine Zeit die Rolle ihrer Chefin an, und sie benutzt auch deren Garderobe und deren Parfüm. Auch sie wird entdeckt, doch Ernüchterung mag sich nicht einstellen, weil sie sich durchsetzen kann, den Aufstieg ins Chefbüro tatsächlich schafft.
Wer inkognito auftritt, nimmt eine andere Position ein als die, für die er auftritt. Er gehört also zum sozialen Netz, spielt nun aber eine Rolle, die ihm nicht zukommt. Meist verbirgt er seine hohe Stellung (zu einem guten Zweck) – einer kundschaftet etwas aus, was er kaufen will (Paradise For Three, USA, 1938, Edward Buzzell), er schmuggelt sich in eine Institution ein, die er leiten soll (wie in dem Gefängnisdrama Brubaker; USA 1980, Stuart Rosenberg), Prinzessinnen wollen einmal „das Leben“ außerhalb der Etikette kennenlernen (wie in Roman Holiday, USA 1953, William Wyler). In allen diesen Filmen geht es darum, dass die Welt anders ist, als sie nach außen hin scheint; und sie plädieren dafür, die Sicht der kleinen Leute geltend zu machen, der Unterlegenen, derjenigen, die keine Macht haben. Inkognito-Geschichten ermöglichen es Machthabenden, ihren Untergebenen (und dem Publikum) zu zeigen, dass sie gütig sind, dass sie Verständnis haben, dass sie bereit sind, sich für die ihnen Anvertrauten einzusetzen.


Artikel zuletzt geändert am 15.07.2011


Verfasser: HJW


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