Lexikon der Filmbegriffe

Engel im Film

Engel sind Lichtgestalten. Zwischenwesen zwischen der menschlichen und der göttlichen Sphäre, gelangen sie immer wieder auf die Erde, als Gesandte des Jenseits, als Boten, Beschützer, Vermittler, Krieger, Regulatoren, Gefährten, aber auch als Inkarnationen der Wünsche der Figuren. Ihre überirdischen Mächte setzen sie in narrative Sonderstellung – sie lenken das Geschehen, sie sind Katalysatoren, manchmal auch Figuren, die auf die Probe gestellt werden und dann meist die Privilegien der Engel gegen die Endlichkeit des Menschlichen eintauschen. So entscheidet sich der Engel Damiel aus Wim Wenders‘ Der Himmel über Berlin (BRD 1987; Fortsetzung: In weiter Ferne, so nah, BRD 1993) für die Liebe zu einer Trapezkünstlerin und damit gegen die Unsterblichkeit. Und der von John Travolta gespielte Engel in Michael (USA 1996) ist nur in ironischer Weise als Himmelsbote verstehbar – er lernt die Freuden des Irdischen kennen und findet Geschmack an Zigaretten und Alkohol. Erinnert sei auch an den wohl bekanntesten Film des Magischen Realismus – an Fernando Birris Un Señor muy viejo con u.a. alas enormes (Ein sehr alter Mann mit großen Flügeln, Kuba/Spanien 1988), in dem nach einem Wirbelsturm ein alter Mann mit großen weißen Flügeln auf einer Karibik-Insel entdeckt wird und bald zu einer halb weltlichen, halb sakralen Attraktion wird.
Das Spektrum der Funktionen, in denen Engel auftreten, ist ungemein weit. Traditionelle Engelsgestalten wie in John Hustons Bibelverfilmung La Bibbia (Italien 1965) stehen Verkündigungsengeln wie dem von Jean-Luc Godard aus Je vous salue, Marie (Frankreich 1985) gegenüber, der die unbefleckte Empfängnis in Frage stellt. Manche Engel sind komödiantische Figuren – in Topper (USA 1937, Norman Z. McLeod; Fortsetzungen: Topper Takes a Trip, 1939; Topper Returns, 1941) kehrt ein lebenslustiges Ehepaar nach dem eigenen Tod auf die Erde zurück, um die Ehe eines Freundes zu retten; in Ein Engel auf Erden (BRD 1959, Geza von Radvanyi) möchte ein Schutzengel seinen ihm anbefohlenen Schützling vor einer unglücklichen Ehe bewahren; als alter weißhaariger Mann erscheint der Engel Clarence in Frank Capras It‘s a Wonderful Life (USA 1946) und tröstet den deprimierten Helden der Geschichte. Andere dagegen sind Vertreter der göttlichen Macht im Umgang mit dem Bösen (die z.B. in David W. Griffiths The Sorrows of Satan, USA 1926, aufeinander treffen).

Literatur: DiPiero, Thomas: Angels in the (out)field of vision. In: Camera Obscura, 40/41, May 1997, S. 200-225. – Fowkes, Katherine A.: Giving up the ghost. Spirits, ghosts, and angels in mainstream comedy films. Detroit, Mich: Wayne State University Press 1998 (Contemporary Film and Television Series.). – Jaspers, Kristina / Rother, Nicole (Hg.): Flügelschlag. Engel im Film. Berlin: Bertz 2003. – Luprecht, Mark: Opaque skies: Wings of Desire – angelic text, context, and subtext. In: Post Script. Essays in Film and the Humanities 17,3, 1998, S. 47-54. – Vienne, Maïté: La figure de l'ange au cinéma. Paris: Editions du Cerf 1995 (7e art. 101.).


Artikel zuletzt geändert am 03.03.2012


Verfasser: CA


Zurück