Lexikon der Filmbegriffe

Indianerwestern

Als Indianerwestern werden solche Western bezeichnet, die die Perspektive der amerikanischen Ureinwohner einnehmen. Die meisten Definitionen gehen weiter und erwarten, dass nicht nur Indianer die Helden der Geschichte darstellen, sondern dass auch die Geschichte des amerikanischen Westens als die systematisch geplante Zerstörung einer existierenden Kultur und den Genozid ihre Mitglieder durch den imperialistischen Drang der weißen Amerikaner dargestellt wird. Die ersten Indianerwestern entstanden in den Jahren 1909-12, als Thomas Ince und seiner Filmfirma Bison eine ganze Reihe von Filmen mit einer Truppe echter Indianer drehte, in dem Prinzessin Red Wing und James Young Deer sogar zeitweilig zu Stars avancierten (z.B. Red Wing‘s Devotion, 1909; Little Dove‘s Romance, 1911; The Squawman‘s Sweetheart, 1912, letzterer auch unter der Regie von James Young Deer). In den 1920er Jahren werden die Indianer in Filmen wie The Last of the Mohicans (1920) und The Vanishing American (1925) zwar sympathisch, aber doch als einer aussterbenden Rasse zugehörig dargestellt.
Erst im Zuge des Vietnam-Krieges und einer Revision der amerikanischen Geschichte entstehen wieder Indianerwestern wie Soldier Blue (1970). Little Big Man (1970) und Ulzana‘s Raid (1972). Doch auch wenn diese Filme den Indianern einige Sympathien entgegenbringen, fungieren die „Rothäupter“ lediglich als Chiffren für das schlechte Gewissen der weißen Amerikaner. Auch ein Film wie Dances with Wolves (1990) stellt die Indianer als sauvage noble dar, entbindet sie damit dem historischen Feld und hebt sie zu mythischen Figuren an.
Der Indianerwestern findet ausgerechnet in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik seine ausgereifteste Form. Am 18.2.1966 hat der DEFA-Film Die Söhne der grossen Bärin in Berlin-Ost seine Premiere. Diese „historischen Abenteuerfilme im Milieu der Indianer“ (SED-Sprachregelung) sollten den populären Winnetou-Filmen der BRD Konkurrenz machen, dabei aber eine historisch-materialistische Ideologie der wirklichkeitsfernen Sentimentalität der Karl-May-Filme entgegensetzen. Bis 1975 entstand jedes Jahr ein DEFA-Indianerfilm, danach noch vier weitere Filme, wovon Weisse Wölfe (1969), Osceolo (1971) und Blauvogel (1979) als die gelungensten gelten. Was den DEFA-Indianerfilm sympathisch macht, nach Helmut Pflügl, „ist nicht bloß die Tatsache, dass er für ein Volk Partei ergreift, das einem jahrhundertelangen Genozid mit begleitender Diffamierung als Wilde zum Opfer gefallen ist, sondern weil er bewusst macht, dass es unter diesen Stämmen hoch entwickelte Kulturen gab...“

Literatur: Pflügl, Helmut (Red.): Der geteilte Himmel. Höhepunkte des DEFA-Kinos 1946-1992. Wien: Filmarchiv Austria 2001, S. 355f. – Wehrstedt, Norbert: Indianerwestern made in GDR. In: Zwischen Marx und Muck. Hrsg. v. Ingelore König, Dieter Wiedsemann, Lothar Wolf. Berlin: Henschel 1996, S. 54-69.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: JCH


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