Lexikon der Filmbegriffe

Innere Montage

frz.: découpage en profondeur (= Montage in der Schärfentiefe), profondeur de champ (=Schärfentiefe des szenischen Handlungsfeldes, Tiefe des Bildfeldes); engl.: depth of field, deepstaging, staging in depth

Entgegen der vor allem im Hollywood-Kino verbreiteten Tendenz, eine Szene in Ketten von Einstellungen „aufzulösen“, die in der Rezeption die Szene wieder synthetisiert werden müssen, steht die Möglichkeit, alle Objekte und Figuren einer Szene so im Bildraum einer Einstellung zu arrangieren, dass sie gleichzeitig im Bild sind, so dass die dramatischen Spannungen und Prozesse einer Szene extremerweise in einem einzigen Bild dargestellt werden können. Zum Teil basiert diese Option auf der technischen Möglichkeit mancher Optiken, die verschiedenen Ebenen des szenischen Raums (Vorder-, Mittel- und Hintergrund) gleichermaßen scharf darbieten zu können. Doch ist es auch möglich, durch Schärfenverlagerung das jeweils Akzentuierte herauszuheben. Als „innere Montage“ bezeichnet man also die innere Gliederung des Bildes, die Koordination von Raumtiefe und Drama und dergleichen mehr.
Die innere Struktur der Szene kann auch durch Kamerabewegungen im Handlungsfeld der Szene artikuliert werden. Insbesondere André Bazin polemisierte gegen die analytische Hollywood-Montage und machte sich für den synthetischen Stil der „inneren Montage“ stark – man brauche keine Schnitte, wenn man die fließende Bewegung der Kamerabewegung habe und die flüssige Inszenierung der Handlung mit ihr koordiniert sei. Wie schon angedeutet, umfasst die Bezeichnung die dramatische Durchzeichnung des Bildraums der Einstellung (depth of field); das berühmteste Beispiel ist ein Rückprojektions-Bild aus Orson Welles‘ Citizen Kane (USA 1940), in dem man vorn die tödliche Medizin, im Mittelgrund die Selbstmörderin und im Hintergrund die Tür sieht, durch die der Ehemann ins Zimmer zu kommen versucht. Sie umfasst aber auch die Inszenierung in die Tiefe des Raums hinein (staging in depth). Da die dramatische Konstellation im Bild selbst repräsentiert ist, muss es länger exponiert werden, um dem Zuschauer die Gelegenheit zu geben, sich in die dramatische Szene zu vertiefen. Darum resultiert die ästhetisch-programmatische Forderung nach „innerer Montage“, die Bazin nicht nur als realistischere Möglichkeit der filmischen Darstellung ausgewiesen, sondern auch die größeren Freiheitsgrade, die sie dem Zuschauer gewähre, betont hatte, meist in längeren Einstellungen (bis hin zur Einstellungssequenz, in der die beiden Gliederungs-Ebenen des Films verschmelzen). Die eigentliche Gestaltungsleistung des Films findet sich darum auch in der Mise-en-Scène, nicht in der Analysis der dargestellten Vorgänge mittels der analytischen Montage.

Literatur: Bordwell, David: On the History of Film Style. Cambridge, Mass./London: Harvard University Press 1997.

Referenzen:

deepfocus shot

Plansequenz

Schärfentiefe

Schärfeverlagerung


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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