Lexikon der Filmbegriffe

Acinéma

frz.; dt. etwa: Un-Kino

Mit dem Begriff acinéma bezeichnet Jean-François Lyotard ein von ihm in den 1970er Jahren formuliertes normatives ästhetisches Programm, das den Film als künstlerisches Medium von den gängigen Konventionen des Erzählkinos emanzipieren soll. Film, so die Diagnose, ist vorwiegend gekennzeichnet durch einen letztlich der kapitalistischen Waren-Logik geschuldeten „Ordnungszwang“ (1982, 26): „Mit Bewegungen zu schreiben, kinematographieren, wird als stete Organisierung von Bewegung aufgefaßt und dementsprechend gehandhabt. Es gibt Regeln der Repräsentation für die Lokalisierung im Raum, Regeln der Narration für die Strukturierung der Sprache, Regeln des Genres ‚Filmmusik‘ für die Tonspur“. Das acinéma ist als Kontrastprogramm zu diesem gezähmten Erzählkino zu verstehen und soll die o.g. Regeln unterlaufen. Dies geschieht entweder durch konsequente Entschleunigung der Laufbilder, durch „Immobilisierung“ bis hin zum Standbild, die eine „faszinierende Paralyse“ ermöglicht, oder aber durch konsequente Beschleunigung, durch einen „Bewegungsexzess“, der keine „Synthesen der Identifizierung“ durch die Wahrnehmung mehr zulässt. Dieses radikale Programm, das nur Avantgarde-Filmkunst (etwa im Sinne des abstrakten oder absoluten Films) gelten lässt, modifiziert Lyotard in einem mehr als 20 Jahre später erschienenen Text: Ein „souveräner Film“ (2004, 184) ist dadurch charakterisiert, dass er in die „erzählend-darstellende Form“ Elemente des acinéma integriert; Beispiele für einen solchen souveränen Film findet Lyotard im Neo-Realismus.

Literatur: Lyotard, Jean-François: L’acinéma [1973]. In seinem: Essays zu einer affirmativen Ästhetik. Berlin: Merve 1982, S. 25-43. Als kommentierte Neuübersetzung auch in: Dimitri Liebsch (Hrsg.): Philosophie des Films. Grundlagentexte. Paderborn: Mentis 2005, S. 85-99. – Lyotard, Jean-François: Idee eines souveränen Films [1995]. In seinem: Das Elend der Philosophie. Wien: Passagen 2004, S. 181-191.


Artikel zuletzt geändert am 15.07.2011


Verfasser: PAB


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