Lexikon der Filmbegriffe

Akusmeter

frz.: acousmêtre; aus dem Frz. (acousmatique) resp. Griech.; dt.: Akusmeter; als Adj.: akusmatisch; als Beschreibungsverfahren: Akusmetrie; von Michel Chion in die Ton-Theorie des Films eingeführt; nach der pythagoräischen Sekte der „Akusmaten“, deren Mitglieder ihren Abt nur hinter einem Wandbehang zuhören konnten, damit der Anblick des Sprechenden sie nicht vom Inhalt dessen, was er sagte, ablenke; Musik, deren Quelle man nicht sehen kann (wie viele Formen der elektronischen Musik), nennt man musique acousmatique (nach Pierre Schaffer, 1966); als – abwesender, aber strukturell gegebener – Träger der Stimme spricht Chion von: acousmêtre, selten sogar von: acousmaître

Michel Chion nennt die nur akustisch im Film vertretene Figur Akusmaître (im Dt. auch: Akusmeter). Entsprechend ist die Verkörperung einer Figur, die bis dato in einem Film nur als Stimme repräsentiert war, eine „De-Akusmetrisierung“. Das Akusmeter – im Gegensatz zur Abwesenheit garantierenden Schrift – indiziert einen gegenwärtigen Körper; die Stimme ist in dieser Metaphorik eine schattenhafte Spur, erinnernd an die bouche d‘ombre (= Mund des Schattens) resp. den ombre parlant (= sprechender Schatten), von dem Victor Hugo während seiner spiritistischen Sitzungen auf Guernsey sprach. Chions wichtigstes Beispiel ist Fritz Langs Film Das Testament des Dr. Mabuse (Deutschland 1932), in dem man den Ort der Stimmen vergeblich aufzudecken versucht – unablässig sind sie anderswo; ein anderes Beispiel könnte die berühmte Verfolgungsjagd in den Wiener Abwässerkanälen aus The Third Man (Großbritannien 1947, Carol Reed) sein, in der der Verfolgte vom hallenden Klang der Stimmen der Verfolger umzingelt scheint. Stimmen, die der Diegese zugehören, sind nur scheinbar gesichtslos, körperlos oder ortlos; vielmehr verkörpern sie eine numinose Macht, die jederzeit auch visuell wahrnehmbarer Körper werden kann.
Vertrauter und leichter zu verorten als Stimmen, die auf diffuse Weise der erzählten Welt zugehören, sind Kommentatoren, die dem erzählten Geschehen gegenüber treten und darum auch gegen eine Verkörperung gut immunisiert erscheinen.

Literatur: Chion, Michel: La voix au cinéma. Paris: Cahiers du Cinéma/Ed. de l'Etoile 1982. Engl.: The Voice in Cinema. New York: Columbia University Press 1998. Auszug dt.: Mabuse – Magie und Kräfte des acousmêtre. In: Cornelia Epping-Jäger / Erika Linz (Hg.): Medien/Stimmen. Köln: DuMont 2003, S. 124-159.


Artikel zuletzt geändert am 15.07.2011


Verfasser: HJW


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