Lexikon der Filmbegriffe

Anagnorisis

griech. = Entdeckung, Erkennen, Wiedererkennen; manchmal lat.: cognitio; engl.: discovery, recognition
 


(1) Als Anagnorisis bezeichnet man in der aristotelischen Tragödientheorie einen Sonderfall der Peripetie – den Moment in der Handlungsstruktur einer Tragödie, in dem Figuren ihren bisherigen Irrtum (das Verkennen des Wesens von anderen Figuren oder Zuständen, die Einsicht in bis dahin unbekannte Verwandtschaftsverhältnisse etc.) erkennen. Unwissenheit schlägt in Erkenntnis um. In der Drehbuchliteratur ist der Begriff erhalten geblieben, bezeichnet hier eine Entdeckung, die die Figurenkonstellation neu ordnet oder die Geschichte in neue mögliche Verläufe hinein öffnet. Eine bedrohte Figur findet z.B. eine Waffe und wird sich von nun an anders verhalten können; eine Figur, die von einer Intrige bedroht ist, belauscht zufällig ein Gespräch oder findet ein Tagebuch und wird so über die geheimen Pläne des Gegenspielers informiert; jemand findet ein Beweisstück – und wird zum Mitwisser einer Tat, wird sie vielleicht beweisen können, ist aber als Zeuge wiederum gefährdet. Es gehört zum Wesen derartiger Entdeckungen, dass das, was bislang angenommen wurde, sich als falsche Annahme erweist. Die Szene des Erkennens ist darum meist ein Umschlag- oder Wendepunkt der Handlung, der das gesamte Handlungsfeld der Figur essentiell verändert.


Insbesondere der Spannungsfilm spielt mit den Annahmen, mit denen die Figuren einander begegnen. Wenn in René Cléments Thriller Le Passager de la Pluie (Frankreich 1969) der spätere Helfer der Heldin zunächst als Vergewaltiger aufgebaut wird, erweist sich die Hypothese schon bald als falsch. In Stanley Donens Arabesque (USA 1966) ist die wahre Identität einer der Figuren sogar mehrfach maskiert, der Film durchspielt mehrere derartige Anagnorisis-Szenen. Aber auch das Aufdecken falscher Geschichten ist im Film vielfach behandelt worden. In The Verdict (USA 1982, Sidney Lumet) entdeckt ein Freund des Helden, als er in die Handtasche der Frau greift, von der man bisher annahm, sie sei mit dem Außenseiter-Anwalt verbündet, dass sie zur Kanzlei der gegnerischen Partei gehört. Und in Stephen Spielbergs The Color Purple (USA 1985) bezeugt der zufällige Fund der Briefe der Schwester, dass die totgeglaubten Kinder der Heldin noch leben und dass der brutale Mann, mit dem sie lebt, die Briefe jahrelang abgefangen hatte – am Ende wird sich sogar in einer zweiten Erkennens-Szene herausstellen, dass der Peiniger nicht der Vater der Heldin war.


Ein anderer Typus der Anagnorisis ist die Szene des Wiedererkennens, die die Handlung fundamental verändert. Der wohl berühmteste Fall ist die Szene, in der Iphigenie, die kurz davor ist, ihren Bruder Orest zu töten, ihn erkennt – danach flieht sie mit ihm nach Hause.

Literatur: Stuart, D.C.: The Function and the Dramatic Value of the Recognition Scene in Greek Tragedy. In: American Journal of Philology 39, 1918, S. 268-290. - Kennedy, Philip F. / Lawrence, Marylin (eds.): Recognition - the poetics of narrative. New York: Peter Lang 2009 (Studies on Themes and Motifs in Literature. 96.).


(2) Vielfach werden auch die Verwechslungsmotive der Komödie mit dem dramaturgischen Prinzip der Anagnorisis zusammengebracht.


Literatur: Masciadri, Virgilio: Die antike Verwechslungskomödie . ‚Menaechmi‘, ‚Amphitruo‘ und ihre Verwandschaft. Stuttgart: M und P 1996 (Drama. Beihefte 4.).
 

Referenzen:

Peripetie

Wiedererkennung


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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