Lexikon der Filmbegriffe

Anachronie

in der Terminologie Lämmerts: Rückwendung

Anachronie ist ein von Gérard Genette vorgeschlagener Begriff, mit dem man „Formen von Dissonanz zwischen der Ordnung der Geschichte und der der Erzählung“ bezeichnet. Wenn also die Ereignisse einer Geschichte nicht in der Reihenfolge erzählt werden, in der sie sich ereignet haben, oder wenn ein Ereignis, das in der Geschichte zu einem früheren Zeitpunkt stattgefunden hat als dem, den die Erzählung bereits erreicht hat, nachträglich dargestellt wird (wie im Krimi die Details des Verbrechens oft erst zum Schluss erzählt werden), hat man es mit Fällen der Anachronie zu tun. Da für den Zuschauer die Zeitfolge oder -ordnung der Ereignisse durchsichtig sein muss, wird mit Verweisungsstrukturen gearbeitet – mit Analepsen, die in die Vorzeit des erzählten Zeitpunktes, und Prolepsen, die in die noch folgende Ereignisfolge hineinverweisen. Genette unterscheidet eine ‚externe‘ und eine ‚interne Analepse‘; erstere bezeichnet  Ereignisse, die vor Beginn der ‚Basiserzählung‘ (récit premier) liegen (Vorgeschichten, back stories u.ä.); letztere dagegen füllt Lücken innerhalb der ‚Basiserzählung‘ auf. Für dramaturgische Belange ist die interne Analepse wie im Krimi von großem Belang; manchmal werden sogar entscheidende Ereignisse mehrfach dargestellt und erweisen erst in der zweiten Darstellung ihren tatsächlichen Verlauf; in Mildred Pierce (USA 1945, Michael Curtiz) etwa zeigt erst die am Ende wiederholte und komplettierte Version des Anfangsmordes des Films die wahre Täterschaft.

Literatur: Genette, Gérard: Discours du récit. In: Figures III. Paris: Seuil 1972. Dt. in: Die Erzählung. München: Fink 1994, 2. Aufl. 1998.
 

Referenzen:

Prolepse

Rückblende

Vorausblende


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: CA


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