Lexikon der Filmbegriffe

Ungarnbild (im deutschen Film)

Die Puszta als wesentliche imaginär-prototypische Land­schaft Ungarns, der Csárdas als Tanz, Husaren im Sattel, Gulasch und Tokajer, dazu Zigeunermusik – Versatzstücke einer Nationalstereotypie, die in einer ganzen Gruppe von Filmen meist deutschen oder österreichischen Ursprungs nicht von einem ethnografischen, sondern von einem dominant mythologischen Interesse gezeichnet worden ist („Von der Puszta will ich träumen“, singt Zarah Leander in Der Blaufuchs, 1938, Viktor Tourjansky; ein signifikantes Beispiel ist Heißes Blut, 1936, Georg Jacoby, mit Marika Rökk). Die Klischees der Darstellung betreffen die Auswahl typischer Szenarien, das sprichwörtliche Temperament der Figuren, lokalkolorierende Verwendung der ungarischen Sprache sowie Strategien der visuellen Gestaltung. Beispiele finden sich noch im Kino der 1950er Jahre (wie z.B. Ich denke oft an Piroschka, 1955, Kurt Hoffmann). Insbesondere dieser Film hat für Jahrzehnte das deutsche Ungarnbild maßgeblich geprägt.
Auffallend ist die „Ruralisierung“ und „Idyllisierung“ dieses imaginären Ungarn der Fiktion, das einem traditionellen, dem Ländlichen ver­pflichteten Vorstellungsbild verpflichtet ist. Die Individualisierungs­tendenzen der Metropole (meist: Budapest) werden im kollektiven Stil der Tracht maskiert. Das Ländliche steht insbesondere als ein Ort der intensiven Affekte der modernen Welt der Großstadt entgegen. Das Fest (mulatság) ist die Gemein­schaftsform, in der der kollektive Exzess, das Essen, Trinken, Tanzen usw., immer wieder kulminie­ren. Fröhlichkeit und Sorglosigkeit kennzeichnen das Zusammen­sein der Ungarn, und es erscheint plausibel, dass dieses Bild ein ideologischer Vorschein einer konfliktfreien Gemeinschaft sein könnte, wie sie auch in den Blut-und-Boden-Motiven im deutschen Film der 1930er ausgemalt worden ist. Zwar ist das Kennzeichen des „Temperaments“ eine Charakteristik Ungarns, das generelle Geltung hat und sich sogar in den Be­schreibungen der ungarischen Stars des deutschen Films der 1930er findet (wie z.B. Marika Rökk, Martha Eggert). Es ist aber verbunden mit einer bemerkenswerten Modulation des Geschlechterrollenverhältnisses: Frauen nehmen überraschend oft die tragenden dra­matischen Rollen ein, sie treiben die Handlung voran.

Literatur: Gulyás, Réka: Von der Puszta will ich träumen ... Das Ungarn-Bild im deutschen Spielfilm 1929-1939. Innsbruck: Institut für Sprachwissennschaft 2000 (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Sonderheft. 107.). – Kopp, Kristin: Ein Traumland Ost im deutschen Heimatfilm der 1950er Jahre? Kurt Hoffmanns Ich denke oft an Piroschka. In: Gregor Thum, ed. Traumland Osten. Deutsche Bilder vom östlichen Europa im 20. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, S. 138-156.
 


Artikel zuletzt geändert am 16.07.2011


Verfasser: HJW


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