Lexikon der Filmbegriffe

Voyeur / Voyeurismus

auch: Peeping Tom, Spanner; Skopophilie, gelegentlich: Skoptophilie; von frz. voyeur ‚(heimlicher) Zuschauer‘, im engeren Sinne ‚Spanner‘ (zu frz. voire ‚sehen, ansehen, schauen, zuschauen‘; vgl. lat. videre)

Ein Voyeur ist eine Person, die besonderes Interesse an der heimlichen, oft unerlaubten, unerwünschten, nicht autorisierten und gegebenenfalls strafbewehrten Betrachtung, Beobachtung oder Ausspähung (mit oder ohne technische Hilfsmittel) von anderen Menschen in deren – kulturell verschieden bewerteten – privaten Situationen und bei für privat oder intim gehaltenen Verrichtungen zeigt. Häufig ist diese Tätigkeit, die ‚Schaulust‘ des Voyeurs (der eventuell auch ein Psychopath, ein Paraphiler oder sexuell ‚Perverser‘ sein kann), mit dem Streben nach Erotik, Lustgewinn und sexueller Befriedigung verbunden und kann sogar auf den Gegenpol eines exhibitionistischen Interesses, die ‘Zeigelust’ und Freude am Gesehenwerden, seitens der betrachteten Person stoßen. Es gibt zudem Arten von Voyeuren, die (zumindest auch) ein berufsmäßiges Interesse am Beobachten und visuellen Kontrollieren bzw. Überwachen anderer haben (Reporter, Fotografen, Filmemacher – die Grundsituation des Kinos ist ja eine voyeuristische –, Psychiater, Polizisten oder, engl. treffend „private eyes“ genannt, Detektive), sowie den großen Bereich des Zufalls- und Alltagsvoyeurismus (Tourist), des „die-Augen-nicht-abwenden-Könnens“.
Wesentlich für den „direkten, nicht sublimierten Voyeurismus“ (Metz) mit erotischem Ziel, der das Kino seit seinen Anfängen begleitet, wie aber auch für die zahlreichen Formen des sublimierten oder ‚reflexiven‘ Voyeurismus (nach Metz die „cinematographische Skopophilie“) ist die Distanz zwischen Betrachter und betrachteter Person, die eine nicht-personale, nicht-partnerschaftliche Beziehung definiert, obgleich bei der voyeuristischen Beschäftigung – in Theater, Striptease oder Peepshow – durchaus das Einverständnis der Betrachteten vorliegen kann. Wird diese Distanz aufgehoben und die Beziehung personalisiert, kann nicht mehr sinnvoll von Voyeurismus gesprochen werden.
Wird die allgemein vorhandene Neigung zu Voyeurismus/Exhibitionismus verdrängt, können sich Neurosen oder gefährliche Neigungen bis hin zur Mordlust entwickeln (filmisch verarbeitet etwa in Peeping Tom, Großbritannien 1959, Michael Powell; Silence of the Lambs, USA 1991, Jonathan Demme). Die Zahl der Filme mit voyeuristischen Themen unterschiedlichster Ausprägung wird allein für die Hollywood-Produktion zwischen 1900 und 1995 auf über 1200 veranschlagt. Periodisierungen des Materials anhand stilistischer Klassifizierungen sind versucht worden, die von den einfach-direkten, jahrmarktartigen Schlüsselloch-Perspektiven des frühen Kinos mit seinen Peeping Tom-Tölpel-Filmen (Par le Trou du Serrure, Frankreich 1901, Charles & Emile Pathé; Uncle Josh at the Moving Picture Show, USA 1902, Edwin S. Porter; noch heute u.a. im „Dänenporno“ à la What the Butler Saw verwendet) über Modernismus (Rear Window, USA 1954) und späten Modernismus (Blow-Up, Großbritannien 1966, Michelangelo Antonioni) zur postmodernen Pastiche-Ästhetik führen (Blue Velvet, USA 1986, David Lynch; Sex, Lies, and Videotape, USA 1989, Steven Soderbergh). 

Literatur: Denzin, Norman K.: The cinematic society: the voyeur's gaze. London / Thousand Oaks, Calif. / New Delhi: Sage 1995 (Theory, culture & society.). – Metz, Christian: Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino. Münster: Nodus 2000 (Film und Medien in der Diskussion, 9.) [bes. S. 56-78]. – Struck, Wolfgang: “Als Spanner müssen Sie entspannen” oder: Was macht der Voyeur im Kino? Überlegungen zu einer Figur filmischer Selbstreflexion. In: Sellmer, Jan / Wulff, Hans J. (Hrsg.): Film und Psychologie – nach der kognitiven Phase? Marburg: Schüren 2002, S. 143-151.
 

Referenzen:

gaze

Schaulust


Artikel zuletzt geändert am 20.12.2012


Verfasser: LK


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