Lexikon der Filmbegriffe

vraisemblance

frz.: Wahrscheinlichkeit, Plausibilität; engl.: verisimilitude

Vraisemblance
ist ein Element der doctrine classique – man versteht darunter die Verpflichtung des Dramas auf die Darstellung von Geschehnissen nach Vorgabe des Wahrscheinlichen, erkennbar an seiner kausalen Motivierbarkeit und rationalen Kontrollierbarkeit. Das Prinzip war im 17. Jahrhundert nach einer langen moralisch-künstlerischen Diskussion formuliert worden, in der es um die Frage ging, ob die Darstellung selbst historischer Tatsachen diese so zu verändern habe, dass sich das Problem der moralischen Rechtfertigbarkeit von Handlungen nicht mehr stellt. Eine Dramatik, die sich der vraisemblance verschreibt, unterliegt einer moralischen Kontrolle, der zufolge es nicht um historische oder psychologische Wahrheit geht, sondern um eine Illusion derselben, die sich unter Wertvorstellungen zu beugen hat. Dass damit einer inneren und äußeren Zensur Tür und Tor geöffnet ist, ist evident. Elemente dieser zutiefst propagandistischen Doktrin finden sich in allen Programmatiken des Films, die auf die Herausstellung von Tugenden herauswollen.

Literatur: Genette, Gérard: Vraisemblance and Motivation. In: Narrative 9,3, 2001, S. 239-258. – McIntosh-Varjabédian, Fiona: La vraisemblance narrative. Walter Scott, Barbey d'Aurevilly. Paris: Presses de la Sorbonne nouvelle 2002. – Revue des Sciences humaines, 4 [=280], 2005: Le vrai et le vraisemblable : rhétorique et poétique [no. spéc.].


Artikel zuletzt geändert am 22.08.2011


Verfasser: HHM


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