Lexikon der Filmbegriffe

Vocozentrismus

von lat.: vox = die Stimme; engl.: vococentrism

Mit dem Kunstwort Vocozentrismus wird manchmal die Konvention bezeichnet, die menschliche Stimme in allen Medien als wichtigstes Ton-Element anzusehen und darum in allen Mischungen darauf Acht zu geben, die die stimmlichen Äußerungen im Vordergrund stehen, verständlich sind, auch einander nur in einem kontrollierten Maße überlagern. Vor allem im synchronisierten Film, in dem oft die Lippensynchronität nicht erreicht wird, ist die scharfe Trennung der Dialogpassagen eine Dienstleistung für den Zuschauer, der die in der Realität mögliche Rückkoppelung von Äußerungen an Mundbewegungen im Kino nicht vollziehen kann. Die Dominanz des Stimmlichen ist darüber hinaus als Hinweis darauf genommen worden, dass Film visuell dominiert sei und die Ton-Elemente dem Visuellen beitragen müssten, selbst keine Eigenständigkeit hätten.
Die Elemente der Ton-Sphäre sind also strikt hierarchisch gegliedert, die Stimmen sind in jedem Fall das Wichtigste. Darum auch sind komplexe Tonmischungen (wie sie z.B. Robert Altman komponiert) so auffallend, weil sie sich gegen eine bis dahin fast als natürlich beachtete Konvention stemmen. Und in einem Beispiel wie der Fernsehserie Miami Vice (1984-89), in dem die Dialoge gegenüber den Begleitmusiken nicht herausghoben waren, scheint ein klarer Hinweis auf ein eigenes Ton-Stil-Element vorzuliegen (wobei auffallend ist, dass in der deutschen Synchronisation konventionell verfahren wurde).

Literatur: Chion, Michel: La voix au cinéma. Paris: Cahiers du Cinéma/Ed. de l'Etoile 1982. Engl.: The Voice in Cinema. New York: Columbia University Press 1998. – Shingler, Martin: Fasten Your Seatbelts and Prick Up Your Ears. The Dramatic Human Voice in Film. In: Scope, 5, June 2006, URL: http://www.scope.nottingham.ac.uk/issue.php?issue=5


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: JH


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