Lexikon der Filmbegriffe

Wirkungsgeschichte

Der Begriff der Wirkungsgeschichte wurde von Hans-Georg Gadamer in seinem Wahrheit und Methode als eine tragende Kategorie des Hermeneutik-Konzepts eingeführt. Jeder Lektüre oder Interpretation gehen andere Lektüren und Interpretationen voraus, die ihrerseits historisch gebunden sind. „Der wirkliche Sinn eines Textes“ sei keineswegs der, den der Verfasser intendierte oder den „sein ursprüngliches Publikum“ seinerzeit herauslas, heißt es bei Gadamer; er entfalte sich vielmehr schrittweise, im Durchgang durch verschiedene, jeweils historisch standortgebundene Sinn-Entwürfe, noch konkreter: durch eine tendenziell unendliche Reihe von Interpretationen hindurch, die ihrerseits direkt oder indirekt auch den gegenwärtigen Interpretationsansatz mitbestimmen. Nochmals Gadamer: „Der zeitliche Abstand [...] lässt den wahren Sinn, der in einer Sache liegt, erst voll herauskommen. Die Ausschöpfung des wahren Sinnes aber, der in einem Text oder einer künstlerischen Schöpfung gelegen ist, kommt nicht irgendwo zum Abschluss, sondern ist in Wahrheit ein unendlicher Prozess“. Aufgrund der Situationsgebundenheit des Verstehens ist ein historisches Verstehen unmöglich: Denn die Verstehenden stehen immer schon in der Wirkungsgeschichte dessen, was sie verstehen wollen – und es gibt keine Methode, die sie dazu befähigt, diese Wirkungsgeschichte zu transzendieren und das Vergangene unmittelbar zu betrachten. Alle Formen des „nachkommenden Verstehens“ stehen in unaufhebbarer historischer und semantischer Differenz zu dem vorgängigen historischen Bedeutungshorizont, der auch nicht – wie ältere Hermeneutik-Entwürfe wie etwa der von Wilhelm Dilthey behauptet hatten – durch Einfühlung wieder eingeholt oder rekonstruiert werden kann.
Der historische Horizont wird so als „Phasenmoment“ des Verstehens angesehen. Zwischen dem historischen und dem gegenwärtigen Moment klafft eine Differenz, die beständig reflektiert werden muss. Es sei „eine beständige Aufgabe, die voreilige Angleichung der Vergangenheit an die eigenen Sinnerwartungen zu hemmen“, heißt es bei Gadamer, und es sei nötig, die beiden Horizonte einander anzunähern, sie sogar zu verschmelzen, weil ein historischer Text erst dann Relevanz gewänne, wenn er im Gegenwartshorizont rezipiert werde.
Dieses epistemologische Postulat wurde durch Autoren wie Paul Ricoeur oder Uwe Japp auf kunstgeschichtliche Gegenstände appliziert. Das Modell, die Geschichte einer Kunst nicht als Geschichte von Werken, sondern aus der Dimension von Rezeption und Wirkung, von Wiederaufnahme und Neuauslegung, von Variation und Verkehrung zu entwerfen, ist bis heute nur in Andeutungen entfaltet worden. Die Grenzen zu einer (eher empirisch fundierten) Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte, aber auch zu Verfahren wie Motiv-, Stoff- und Themengeschichte oder Ideologiekritik lassen sich nur schwer genau bestimmen.

Literatur: Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Mohr 1960, 280ff. – Hans Robert Jauß: Literaturgeschichte als Provokation. Frankfurt: Suhrkamp 1970. – Elder, R. Bruce: The films of Stan Brakhage in the american tradition of Ezra Pound, Gertrude Stein, and Charles Olson. Waterloo, Ont: Wilfrid Laurier University Press 1998. – Knaap, Ewout van der: ‚Nacht und Nebel‘. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsgeschichte. Göttingen: Wallstein 2008.


Artikel zuletzt geändert am 18.07.2011


Verfasser: HJW


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