Lexikon der Filmbegriffe

roughie

Das engl. Adjektiv rough, von dem sich das Substantiv roughie als Bezeichnung für einen gewissen Typus von Spielfilmen ableitet, charakterisiert umgangssprachlich physische Gewalt (rough stuff), ungehobelte, unangenehme, brutale und gefährliche Personen (roughnecks) und besitzt zudem häufig auch einen obszönen oder lasziven Unterton.
Roughies im Allgemeinen sind Filme, die Sexualität in schäbigen oder schmutzigen Kontexten zeigen, d.h. im Bereich von sado-masochistischen Alltagsgewalttätigkeiten. Damit sind aber nicht filmische Darstellungen hochkodifizierter fetischistischer SM-Sexualität (wie z.B. in der Bondage-Pornographie u.ä.) gemeint, sondern im engeren Sinne jene Schwarzweißfilme des Amerikaners Russ Meyer (geb. 1923), die er zwischen 1964 und 1966 in den USA gedreht hat: Lorna (1964; dt. Lorna – Zuviel für einen Mann), Mudhoney (aka: Rope of Flesh, 1965; dt. Im Garten der Lust), Motor Psycho (1965; dt. Motor-Psycho – Wie wilde Hengste) und Faster, Pussycat! Kill! Kill! (1966; dt. Die Satansweiber von Tittfield). In ihnen werden der sprichwörtlich gewordene Busenfetischismus des Regisseurs, lüstern-schlampige Blondinen, neurotische Männerfreundschaften und Suff, alltägliche Gewalttätigkeit bis hin zur Vergewaltigung in der Ehe zu einem anarchischen Amalgam verschmolzen, dem seine trashige Herkunft zwar immer anzusehen bleibt, das es aber andererseits vermag, explizite und offensive Darstellung von Gewalt und Sexualität als integrale Bestandteile der Handlung darzustellen. Die roughies Meyers mit ihrem steten Scheitern der Kommunikation zwischen Mann und Frau bewahren ihren besonderen Reiz als spezielle Art von Undergroundfilmen (oder können zumindest auch als Parodien davon betrachtet werden). Meyer selbst bezeichnet diese Zeit ironisch als seine „Steinbeck-Periode“ (nach dem sozialkritisch-naturalistischen amerikanischen Erzähler und Dramatiker John Steinbeck). Meyers Roughies wirken bis in die Populärkultur der 1990er Jahre hinein. So wurde der in der Wüste spielende Film Faster, Pussycat! Kill! Kill! als motivisch-visuelle Vorlage für ein frühes Musikvideo der überaus erfolgreichen englischen Mädchengesangsgruppe Spice Girls verwendet. Auch die zu einigem Ruhm als Kultregisseurin und Filmproduzentin gelangte Amerikanerin Doris Wishman (1920-2002) hatte (unter zahlreichen Aliasnamen) in den 1960er Jahren eine ausgesprochene Roughie-Phase.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: LK


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