Lexikon der Filmbegriffe

Welttheater

oft lat.: theatrum mundi; auch: Großes Welttheater

(1) Im Mittelalter wurde das Bild der Welt als Theater erfunden, eine Globalmetapher, die die Welt auf der begrenzten Bühne des Theaters und oft auch in der begrenzten Zeit der Aufführung erfassen sollte, die die Weltordnung zur Schau stellen und ihre inneren Störungen als Drama illuminieren sollte. Seinerzeit war das Welttheater vor allem als Bildvorstellung der Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt, oft auch als Warnung vor der Vergeblichkeit und Scheinhaftigkeit allen irdischen Wollens (vanitas) gefasst. Theatrale Bilder dienten der Erschließung, Speicherung, Produktion und Darstellung der Ordnungen des Wissens und bildeten zugleich eine Grundlage der anschaulichen Visualisierung von allgemeinen Wissensbeständen.In der Moderne tauchte das Bild vor allem nach den Katastrophenerfahrungen der Weltkriege als Frage nach der Sinnhaftigkeit der Welt wieder auf. Noch die hochartifizielle Realität von Freak Orlando (BRD 1981, Ulrike Oettinger) reklamierte für sich selbst, ein theatrum mundi zu sein.

Literatur: Pieper, Irene: Modernes Welttheater. Untersuchungen zum Welttheatermotiv zwischen Katastrophenerfahrung und Welt-Anschauungssuche bei Walter Benjamin, Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal und Else Lasker-Schüler. Berlin: Duncker & Humblot 2000 (Schriften zur Literaturwissenschaft. 13.). – Roloff, Volker: Aktuelle Theaterfilme. In: Theater und Schaulust im aktuellen Film. Hrsg. v. Michael Lommel. Bielefeld: Transcript 2004, S. 9-20.


(2) Im Gefolge der von Erving Goffman prominent gemachten „Theatermetapher“, der zufolge Ereignisse und Situationen des Alltagslebens als inszenierte Szenen zu untersuchen und in den Kategorien des Theaters und der Dramaturgie zu beschreiben, kamen gelegentlich auch Vorstellungen auf, das Modell umzudrehen und reale Konstellationen als Szenarien zur Erfassung von Weltmodellen anzusehen. Dazu rechnet die Straße als Bild des Lebens und der Zeit (wie in Federico Fellinis La Strada, Italien 1954), Darstellungen des Geldes als Kernkategorie industrieller Gesellschaften und Subjektivitäten (wie in Johan van der Keukens I Love Dollars, Niederlande 1986) oder die Nutzung von spezifischen Orten als Kristallisationspunkte modernistischer Existenzen (wie ein Restaurant in Helmut Dietls Rossini, BRD 1997).

(3) Ein Bestandteil von Puppentheater-Programmen im 19. Jahrhundert war häufig ein „Theater im Theater“, ein Theatrum mundi oder „mechanisches Welttheater“ mit bunt bemalten Figuren aus Pappe oder Blech, die auf mehreren Laufschienen über die Bühne gezogen wurden. Die Vorstellung aktueller Ereignisse wechselte im Programm mit exotischen und lehrreich-unterhaltsamen Bildern. Panoramaähnliche Dekorationen, Licht- und Geräuscheffekte sowie rasche Verwandlungen mit Klappkulissen belebten die Darstellung von Schlachten, Jahrmärkten, biblischen und historischen Szenen, geografischen Bildern im Wandel der Jahreszeiten mit bewegter See, Gewittern, Mondschein und Vulkanausbrüchen.

Literatur: Till, Wolfgang: Puppentheater. Bilder, Figuren, Dokumente. München: Wolf 1986.

Referenzen:

Dramatologie


Artikel zuletzt geändert am 22.08.2011


Verfasser: AS HJW W


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