Lexikon der Filmbegriffe

O-Ton: Rundfunk

Kurzform von: Originalton

In der Praxis der Rundfunkarbeit sind O-Töne „kleine Tondokumente“, die zur Authentisierung, aber auch zur Auflockerung von Rundfunkbeiträgen dienen. Auch wenn die Abgrenzung u.U. schwierig ist, sind O-Töne klar von Live-Berichten zu unterscheiden: Sie bedürfen der Einbettung in den Kontext der Sendung, sie müssen auf Distanz gesetzt werden zur Stimme und Position des Journalisten, sie bedürfen eines „Interpretationsmodells“, in dem geklärt wird, warum sie von Belang sind. O-Töne sind reproduziert (und nicht live), eingebettet (und nicht kontextlos), in dokumentarischer Verwendung (und damit Teil einer kommunikativen Handlung). Sie sind reflexiv (also herausgehoben und immer erkennbar). Es geht nicht um das Vertrauen und Gewissheit in die Präsenz der Realität, derer sich der „Ohrenzeuge“ mittels des Originaltons vergewissern kann, sondern ganz im Gegenteil darum, dass erst im Rahmen des Programms und vermittels der O-Töne eine Welt außerhalb seiner Grenzen nahegelegt wird. Und dass dadurch eine beständige ästhetische und kommunikative Distanz zwischen Zuhörer, Programm und Realität produziert wird, gehört wohl zu den ästhetischen Grundbestimmungen der Radio-Kommunikation. Die Verfügbarkeit von Tondokumenten, die besondere Ereignisse (wie Reden oder Konzerte), die Eigenart einer Stimme (etwa beim Tod von Prominenten) oder auch Atmo-Geräusche historischer Momente aufzeichnen, ist eine Bedingung dafür, dass Medien nicht nur Teil einer spezifisch medial vermittelten Distanz zwischen Realität, medialer Botschaft und Rezipient sind, sondern dass auch Medien Apparate einer besonderen kulturellen und politischen Gedächtnis-Arbeit geworden sind, die das Einzigartige von Geschichte reproduzierbar machen. O-Töne können so in der Praxis der Rundfunkarbeit auratischen Wert haben, obwohl sie auf Reproduzierbarkeit beruhen (Benjamins Aura-Konzept kann dieses Paradox nicht fassen).

Literatur: Maye, Harun / Reiber, Cornelius / Wegmann, Nikolaus (Hg.): Original / Ton. Zur Mediengeschichte des O-Tons. Mit Hörbeispielen auf CD. Konstanz: UVK 2007.
 

Referenzen:

R-Ton


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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