Lexikon der Filmbegriffe

Psychoanalyse (als Sujet des Films)

Die psychoanalytischen Modelle der menschlichen Persönlichkeit, ihrer Störungen, der Verdrängungen und Blockaden haben wie keine zweite wissenschaftliche Richtung im 20. Jahrhundert die populären Vorstellungen über die soziale Person gefüttert. Einer der bekanntesten frühen, recht erfolgreichen und in der medizinischen Fachwelt am kontroversesten diskutierten Filme, die aus der Psychoanalyse heraus entstanden sind, ist Geheimnisse einer Seele von Georg Wilhelm Papst (Deutschland 1926), in dem ein Chemiker von dem Verlangen getrieben wird, seine hübsche junge Frau zu erstechen. Der bekannte Freud-Schüler Karl Abraham (1877-1925) hat am Drehbuch mitgewirkt. John Hustons Freud (1962) sucht die wissenschaftliche Psychoanalyse in einem Biopic darzustellen, und noch Carlo Lizzanis Cattiva (1991) erzählt von einer jungen Frau, die durch eine präzise Anwendung von Freuds Lehren heilbar wird.
Psychoanalytisches Gedankengut - wenn auch meistens in einer popularisierten oder gar trivialisierten Auslegung – spielt aber erst in den Personencharakterisierungen, in den Modellen der interpersonellen Kommunikation und motivlichen Ausgestaltungen zahlreicher Filme seit den 1940er Jahren eine bedeutende, oft zentrale Rolle. Man denke insbesondere an Alfred Hitcock, der mit Spellbound (1945) den Fall einer Amnesie mit Hilfe einer Psychoanalytikerin – einer „Traumdetektivin“ – aufgeklärt hatte und der einer Popular-Psychoanalytik tief verbunden blieb. Mit Vertigo (1958) – einer Geschichte von Traumatisierung und Höhenangst –, Psycho (1960) – der Geschichte eines schizophrenen Mörders – und Marnie (1964) – der Geschichte einer Phobie, die durch kindliche Traumatisierung ausgelöst wurde – hat er wie kein zweiter Motive einer populären Psychoanalyse in diversen Genres des Kinos heimisch gemacht. Seitdem stößt man immer wieder insbesondere auf verdrängte Kindheitserlebnisse oder Schuldkomplexe, deren Aufarbeitung zu einer Befreiung vom krankmachenden Syndrom führt – zu den Beispielen gehören Il Diario di u.a.Schizofrenica (1968, Nelo Risi), Peeping Tom (1959, Michael Powell) und selbst ein historischer Abenteuerfilm wie L‘Avventuriero (1967, Terence Young).
Schon früh wurde auch eine gewisse Skepsis gegen die Psychoanalyse zum Gegenstand des Films. Man denke an Psychoanalytiker, die überflüssige und ratlose Therapien für die Reichen geben wie der Analytiker in Billy Wilders Emperor‘s Waltz (1948), der einen Pudel gegen Angstneurosen behandelt, die rastlos ihre Psychiater aufsuchenden Figuren aus den Filmen Woody Allens oder die trotz Psychoanalyse gelingenden Kommunikationen in Chantal Akermans Un Divan à New York (1996).

Literatur: Ries, Paul: Popularise and/or be damned: psychoanalysis and film at the crossroads in 1925. In: International Journal of Psychoanalysis 76,4,1995, S. 759-791. – Shortland, Michael: Screen memories: Towards a history of psychiatry and psychoanalysis in the movies. In: British Journal of the History of Scien­ces 20, 1987, S. 421-462. – Wulff, Hans J.: Psychiatrie im Film. Mün­ster: MAkS Publikationen 1995.


Artikel zuletzt geändert am 27.07.2011


Verfasser: LK HJW


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