Lexikon der Filmbegriffe

exemplum

Das Exemplum ist ein oft sehr reduzierter Text, der zur Konkretisierung eines Sachverhalts herangezogen wird. Es ist seine Aufgabe, das Gegebene in Analogie zu wiederholen, in Kontrast zu ihm zu treten oder ihm als Vorbild zur Seite zu treten. Es macht eine allgemeine Regel kenntlich, von der wieder auf den Einzelfall geschlossen werden kann. Dadurch wird eine bekannte Regel auf den besonderen Fall angewendet, vielleicht auch als Hinweis auf eine noch strittige Regel gesetzt. Insofern ist das Exemplum eine primäre Textform der moralischen Kommunikation und – weil das Exemplum oft lehrhaft gesetzt wird, die Autorität des Sprechenden voraussetzend – eine Strategie des „didaktischen Sprechens“.
Im Film ist immer wieder mit den Möglichkeiten des Exemplums gespielt worden. Filme wie die der Coen-Brüder (zuletzt: No Country for Old Men, USA 2007) sind durchzogen von Exempla, die die Figuren wie Exkurse vortragen und deren Sinn nicht immer klar wird. Seltener sind Filme, die nach dem Muster des Exemplums gebaut sind (oder dieses ironisch umspielen, dadurch aber in die Nähe der anderen einfachen Formen Legende, Parabel oder Fabel geraten); zu den wenigen Beispielen, in denen die abstrakte Prägnanz des Exemplums und sein Richtwert zur Organsisation und Beurteilung von Erfahrung gleichermaßen herausgearbeitet sind, rechnet Pier Paolo Pasolinis Uccellaci e uccellini (Italien 1965). Manchmal auch wird die einzelne Geschichte als Prototyp einer Generationen-Erfahrung gesetzt; man denke an Sudba tscheloweka (dt.: Ein Menschenschicksal, UdSSR 1959, Sergei Fjodorowitsch Bondartschuk) oder Aus einem deutschen Leben (BRD 1977, Theodor Kotulla), die beide schon im Titel einen Anspruch auf Repräsentanz und Allgemeingültigkeit gleichermaßen anmelden, darin die Abstraktheit, Modell- oder Vorbildhaftigkeit und Repräsentativität des Exemplums vermeldend.

Literatur: Das Beispiel. Epistemologie des Exemplarischen. Hrsg. v. Jens Ruchatz. Berlin: Kulturvlg. Kadmos 2007 (LiteraturForschung. 4.). – Exempla. Studien zur Bedeutung und Funktion exemplarischen Erzählens. Hrsg. von Bernd Engler. Berlin: Duncker und Humblot 1995 (Schriften zur Literaturwissenschaft. 10.).


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: HJW


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