Lexikon der Filmbegriffe

Traumfabrik

In den 1920er Jahren war die Vorstellung, dass das Kino ein Ort sei, an dem die Träume und das Begehren, das Utopische und das Phantasierte verhandelt würden, verbreitet. Kracauer sah im Kino den Ort, an dem die „kleinen Ladenmädchen“ unerfüllte Wunschphantasien ausleben konnten. Bei Hofmannsthal heißt es, dass „die Leute“ im Kino nach einem Ersatz für ihre Träume suchten - sie wollten ihre Phantasie mit „starken Bildern füllen, in denen sich Lebensessenz zusammenfasst“, weil ihnen das Leben solche Bilder schuldig bleibe. 1931 erscheint nicht nur René Fülop-Müllers Die Phantasiemaschine, sondern auch ein Roman Ilja Ehrenburgs unter dem Titel Die Traumfabrik, der der These ihren bis heute populären Namen gibt.
Auch wissenschaftlich fand sie große Beachtung: Wolfenstein/Leites etwa nahmen den „Tagtraum“, der auf tieferliegende, sprachlich oft kaum artikulierbare Wünsche und Ängste verweise, als eigentliches Thema der Hollywoodproduktion. Der Film stelle kollektive Träume aus, er mache Unbewusstes kollektiv zugänglich. Durchaus kritisch versteht sich die anthropologische Studie Hortense Powdermakers, die Hollywood weniger als eine Region denn als einen besonderen kollektiven Bewusstseinszustand beschrieb – als gemeinsamen Bezugspunkt einer großen Gruppe von Menschen, die alle mit der Herstellung von Filmen beschäftigt sind und zugleich eine breite soziale Praxis teilen; die Mitgliedschaft zu dieser Gemeinde ist zugleich Teilhaberschaft an der Fabrik der Träume.

Literatur: Hortense Powdermaker: Hollywood, the Dream Factory: An Anthropologist Studies the Movie Makers. Boston: Little, Brown and Company 1950. – John Parris Springer: Hollywood Fictions: The Dream Factory in American Popular Literature. Norman [...]: University of Oklahoma Press 2000 (Oklahoma Project for Discourse and Theory. 19.). – Wolfenstein, Martha / Nathan Leithes: Movies: a psychological study. Glencoe: Free Press 1950.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: HJW


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