Lexikon der Filmbegriffe

Nekrorealismus

Nekrorealismus war eine künstlerische Bewegung im Leningrad der 1980er (heute St. Petersburg), für die der Tod und das Sterben programmatisches Zentrum der Arbeiten und Aktionen aus Malerei, Musik und Film waren. Nekrorealismus entstand aus dem Selbstverständnis des sowjetischen Punk und war eine klare Antwort auf den sozialistischen Realismus. Schon die Namen der beteiligten Künstler nahmen die nehmen die Thematiken der Gruppe auf – da finden sich Namen wie Trupyr‘ (= die Leiche), Bezrukow (= der Armlose), Mertvy (= der Tote) oder Debil (= der Gebrechliche). Der Film gehörte zu den wichtigsten Ausdrucksmitteln der Gruppe. Filmemacher wie Yevgeny „Debil“ Kondrat‘ev, Alexandr Anikeenko, Andrej Mertvyj und insbesondere der 1961 geborene Yevgeny Yufit, der der theoretische und programmatische Kopf der Bewegung war, arbeiteten ausschließlich mit dem billigen 16mm- und Super-8-Material. Yufit gründete 1985 das erste autonom arbeitende Filmstudio in der UdSSR (M alalafil‘m). Seine Kurzfilme – Sanitary-Oborotni (=Werwolf-Sanitäter, 1984), Lesorub (=Holzfäller, 1985) oder Vesna (=Frühling“, 1987, mit Andrej Mertvyj) - gelten als exemplarische Übungen in Todesdarstellung im Stil des Nekrorealismus, der mit dem gleichzeitigen Splatter- und Horror-Film des Westens nichts zu tun hat. Verfallsformen des Leibes, Akte der Selbstzerstörung, Bilder von Friedhöfen und dergleichen mehr sind erkennbar als Metaphern und Allegorien, die das Ende der Sowjetunion und des Heroismus des staatlich verordneten Realismus der Künste thematisieren. Themen wie Mord, Grausamkeit, Homoerotik, verbunden mit grotesken Mischungen aus schwarzem Humor und Slapstick, wie sie Yufit behandelte, sind klare Tabubrüche. Anfang der 1990er löste sich die Gruppierung auf, u.a. weil Künstler wie Yufit in der westlichen Kunstszene eigene Ausstellungen erhielten und sich der Stil der Filme von einer aggressiven und provokativen Haltung, die den Kurzfilmen zugrunde lag, zu sehr langsam erzählten und elegischen Langfilmen wandelte.

Literatur: Alaniz, José / Seth Graham: Early Necrocinema in Context. In: Necrorealism. Contexts, History, Interpretations. Ed. by Seth Graham. Pittsburgh: Russian Film Symposium 2001, S. 5-27. – Iampolsky, Mikhail: Death in Cinema. In: Re-Entering the Sign. Articulating New Russian Culture. Ed. by Ellen E. Berry and Anessa Miller-Pogacar. Ann Arbor: University of Michigan Press 1995, S. 270-288. – Ljalina, Ol’ga: Russischer Film-Underground 1984-1994: Das‚Parallele Kino‘. In: Balagan 1,1, 1995, S. 132-146.


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: AS


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