Lexikon der Filmbegriffe

Néo-Polar

aus dem Französischen; gelegentlich nur: Polar; frz. auch: néo noir; Variante des roman noir;

Hatte die Stilrichtung des „harten“ amerikanischen Krimis der 1930er und 1940er Jahre in Frankreich große Bewunderung auf sich gezogen, die in der série noire einen prägnanten Ort gefunden hatte, in der zunehmend französische Autoren publizierten, so trat etwa ab 1968 eine sozialkritische Richtung des Kriminalromans an ihre Seite, die zwar Motive und Stilmittel des hartgesottenen amerikanischen Krimis übernahm, jedoch großen Wert auf das gesellschaftliche Umfeld der Figuren und die politische Bedingtheit ihres Verhaltens legt. Darum auch ist Néo-Polar oft als eine Form linker Praxis angesehen worden. Das Themenspektrum ist sehr weit gespannt, berührt Kollaboration und Résistance, Krieg, Rassismus, Antisemitismus, soziale Ausgrenzung. Eines der wichtigsten Themen des Néo-Polar wurde der Algerienkrieg, der in Frankreich bis heute tabuisiert ist, die Frage, welche Kriegsverbrechen dort in französischem Namen verübt worden sind, ist ebenso ungeklärt wie die politische Frage nach dem imperialistischen Gestus, mit dem Frankreich hier der algerischen Befreiungsbewegung entgegengetreten ist. Die Auseinandersetzung mit Schuld ist darum auch ein durchgängiges moralisches Thema, das sich in fast allen Beiträgen zum Néo-Polar findet.
Die Geschichten des Polar enden selten glücklich, Konflikte werden kaum je gelöst, weil sie auf grundlegende gesellschaftliche Widersprüche zurückgeführt werden. Das handelnde Subjekt (und Held der Geschichten) kann nie die wirkliche Kontrolle über das Geschehen erlangen, bleibt Zwängen und Restriktionen ausgesetzt. Der oft tragischen Konstellation der Figuren, der Unkontrollierbarkeit des Geschehens und der Düsternis der Schuld entgegengestellt ist meist eine sehr deutliche ironische Haltung (wie sie sich sogar in der Selbstbezeichnung „néo-polar“ wiederfindet).
Die 1985 produzierte TV-Serie Néo Polar führte die Richtungsbezeichnung in den Film ein. Autoren wie Jean-Patrick Manchette hatten den Néo-Polar von Beginn an auch in Form von Film-Drehbüchern realisiert. Sein errorismus-Thriller Nada (1974, Claude Chabrol) gehört zu den markantesten Filmen der Richtung.

Literatur: Temps modernes, 595, 1997: Themenheft. – Manchette, Jean-Patrick: Chroniques. Essays zum Roman noir. Heilbronn: Distel 2005.

Referenzen:

hard-boiled


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: JH


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