Lexikon der Filmbegriffe

Neue Sachlichkeit

In Anlehnung an den literatur- und kunsthistorischen Begriff bezeichnete Stilrichtung im deutschen Film der 1920er Jahre. Als Gegenströmung zum Expressionismus lässt die Neue Sachlichkeit symbolische und expressive Qualitäten zurücktreten und verzichtet auf exotische Umgebungen und phantastische Entwicklungen. Favorisiert wird stattdessen ein Realismus, der in der eigenen Gegenwart verortet ist, die in ihr virulenten sozialen und psychischen Konfliktstrukturen zum Gegenstand wählt und zur Gesellschaftskritik tendiert. Objektive Kühle, die bis zum Zynismus geht und ein dem Naturalismus verwandter Fatalismus sind Kennzeichen dieser Richtung. Hinzu kommt eine Faszination gegenüber Technik, Architektur und Maschinen, die in rhythmischen Steigerungen der Montage ihren Ausdruck findet. Die zeitgenössische Kritik warf der Neuen Sachlichkeit fehlende Parteilichkeit vor (was den Filmen zwar eine resignative Perspektive verlieh, sie aber auch vor plakativen Botschaften bewahrte). Die Filmgeschichtsschreibung sieht in der Neuen Sachlichkeit stellenweise eine ästhetische Vorläuferin des Nationalsozialismus (vor allem mit Blick auf den Bergfilm).

Beispiele: Die freudlose Gasse (1925, Georg Wilhelm Pabst); Berlin. Sinfonie der Grosstadt (1927, Walter Ruttmann); Markt in Berlin / Wochenmarkt auf dem Wittenbergplatz (1929, Wilfried Basse); Menschen am Sonntag (1929, Robert Siodmak u.a.).

Literatur: Hinden, Wiebke von: Ernst Fuhrmann: Fotoregisseur. Die Pflanzenfotografien des Auriga-Archivs. Zivilisationskritische Tendenzen in der Fotografie der Neuen Sachlichkeit. Frankfurt [...]: Peter Lang 2003. – Kappelhoff, Hermann: Der möblierte Mensch. G.W. Pabst und die Utopie der Sachlichkeit. Ein poetologischer Versuch zum Weimarer Autorenkino. Berlin: Vorwerk 8 1995. – Lethen, Helmut: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt: Suhrkamp 1994. Engl.: Cool conduct. The culture of distance in Weimar Germany. Berkeley/Los Angeles/London: University of California Press 2002.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PB


Zurück