Lexikon der Filmbegriffe

Selenophon

Der Physiker Hans Thirring und Oskar Czeija, Gründer und erster Generaldirektor der RAVAG, der Radio-Verkehrs AG, stellten 1929 das Selenophon-Verfahren vor, ein eigenständiges Lichttonverfahren, das erst mit der Besetzung Österreichs durch die nazi-deutschen Truppen 1938 zu Ende ging. Thirring und Czeija besaßen eine ganze Reihe von Patenten auf ihr System, gründeten 1929 eine eigene Filmproduktionsfirma (Selenophon Film GmbH) und nahmen eine eigenständige Tonfilmproduktion in Österreich auf. Czeija organisierte auch die Herstellung des Kopierpapieres, meldete allein in diesem Bereich mehrere Patente an und gründete die Czeija-KG-Azophor-Lichtpauspapiere. Von 1931-33 produzierte Selenophon-Film in Kooperation mit der Hugo-Egel-Film eine internationale Wochenschau, die 1933 in die faschistische Wochenschau Österreich in Bild und Ton überging. Bis 1932 stellte man auch Spielfilme im Selenophon-Verfahren her (darunter der erste österreichische Kurztonfilm In der Theateragentur, 1929/30, mit dem Komiker Karl Farkas, und Stürmisch die Nacht, 1931, Curt Blachnitzky). Aufgrund eines Abkommens mit der Küchenmeister-Tobis-Klangfilm-Gruppe wurde der österreichische Markt zwischen dem Tobis- und dem Selenophon-Verfahren geteilt; erst 1938 wurde Selenophon gezwungen, alle Patente an die Cautio-Treuhandgesellschaft (und damit an den Konkurrenten Tobis) zu verkaufen.
Die Tatsache, dass sich Selenophon gegen die monopolistische Tonfilm-Industrie halten konnte, fußt auch auf der Qualität der Tonaufzeichnung, die das Verfahren ermöglichte. Sie erfolgt mit Licht auf lichtempfindlichem Papier. Im Zentrum der Technik stand die Thirringsche Selenzelle, die gegenüber der damals meist üblichen Alkaliphotozelle eine höhere Empfindlichkeit vor allem in den tieferen Tonlagen hatte. Ein zweiter Vorteil des Verfahrens bestand darin, dass das Verfahren mit geringeren Verstärker-Leistungen auskam und Tonverzerrungen bei der Wiedergabe deutlich seltener auftraten. Zudem konnte die Tonaufzeichnung auf viel billigerem Positiv-Film vorgenommen werden. Allerdings war zur Wiedergabe ein eigenes Gerät nötig, das beide Filmbänder synchron wiedergeben konnte. Die Qualität der Aufzeichnungen war so überzeugend, dass nicht nur US-amerikanische Rundfunkanstalten wie CBS und NBC mit Selenophon-Bändern arbeiteten, sondern dass der Dirigent Arturo Toscanini die Salzburger Festspiele nicht auf Platte, sondern auf Tonbänder der Selenophon aufzeichnen ließ (eine Falstaff-Aufnahme von 1937 liegt in restaurierter Form vor).

Literatur: Schlögl, Reinhard: Oskar Czeija. Radio- und Fernsehpionier, Unternehmer, Abenteurer. Wien: Böhlau 2005.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: JH


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