Lexikon der Filmbegriffe

spatial turn

dt. etwa: „räumliche Wende“; auch: topographical turn, topological turn

Als spatial turn wird eine durch Michel Foucault angeregte, seit den 1980ern diskutierte Wende oder Kehre in den Kulturwissenschaften bezeichnet, die den Raum (spatial = räumlich) als kulturelle Größe wieder wahrnimmt und als Grundlage kultureller Praxen und Ordnungen zu bestimmen sucht. So rücken Räume als Bühne historischer und kultureller Ereignisse in den Vordergrund. Ebenso wird die Wahrnehmung von Raum, wie z.B. in Karten und Modellen, und die Zusammenhänge von Raum und Kultur wieder mehr bedacht. Schon Lotman hatte in seiner Theorie der „semantischen Räume“ die topographische Ordnung als Globalmetapher für kulturelle Ordnungen im Allgemeinen behauptet. Die kulturologische Raumforschung geht darum zwei Wege: (1) den realen vorhandenen Raum hinsichtlich der Nutzungen, der Erschließung und Gliederung in kulturellen Praxen, der Interpretation und Aufladung mit Bedeutungen zu untersuchen; insbesondere die Institutionalisierung des Raums und die (Selbst-)Darstellung von Institutionen in räumlichen Ordnungen sind dabei von Interesse; (2) räumliche Gliederungen sowie Prinzipien der Repräsentation räumlicher Verhältnisse als semiotische Ordnungssysteme aufzufassen und ihre Funktionalisierungen in anderen semiotischen Systemen (wie der Sprache, der Literatur, der Erzählung, der Liturgie etc.) zu rekonstruieren. Ausgangspunkt bei diesen Überlegungen ist immer, dass der gesellschaftlich und historisch relevante Raum das Produkt menschlicher Handlung und Wahrnehmung ist und nicht allein transzendentale Bedingung der Wahrnehmung. Für den Film ist die Organisation des Räumlichen auf mehreren Ebenen zentral: (1) als Widerspruch der Doppelwahrnehmung des Filmbildes als zwei- und dreidimensionaler Tatsache gleichzeitig; (2) als Organisationsaufgabe der filmischen Montage, die die Orientiertheit des Zuschauers im dargestellten diegetischen Raum sicherzustellen hat, dabei die sozialen Ordnungen des Raums resp. die räumlichen Ordnungen sozialen Handelns aber nicht vernachlässigen darf; (3) im Umgang mit globalen Raumordnungen wie der Opposition von Stadt und Land, der inneren Geographie von Städten, nationaler Ordnungen etc.; (4) hinsichtlich der Koordination von Räumen und Bedeutungen, von Repräsentationen familialer bis zu jenen staatlicher oder religiöser Macht.

Literatur: Agotai, Doris: Architekturen in Zelluloid. Der filmische Blick auf den Raum. Bielefeld: Transcript 2007. – Bachmann-Medick, Doris: Spatial Turn. In ihrem: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek: Rowohlt 2006, S. 284-328. 2. Aufl. 2007. – Döring, Jörg / Thielmann, Tristan (Hrsg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld: Transcript 2008. –  Joachimsthaler, Jürgen: Text und Raum. In: KulturPoetik 5, 2005, S. 243-255. – Weigel, Sigrid: Zum „topographical turn“. Kartographie, Topographie und Raumkonzepte in den Kulturwissenschaften. In: KulturPoetik 2,2, 2002, S. 151-165.


Artikel zuletzt geändert am 06.08.2012


Verfasser: HJW


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