Lexikon der Filmbegriffe

sérials

Französische Episodenfilme aus der Stummfilmzeit der 1910er und 1920er Jahre. Der Titel solcher sérials besteht meist aus dem Namen der Hauptfigur. Bekanntester Produzent ist Louis Feuillade (1874-1925) mit Fantômas (fünf Episoden; 1913/14), Les Vampires (zehn Episoden; 1915/16) und Judex (zwölf Episoden; 1916/17). Judex geht sogar mit Nouvelle mission de Judex (zwölf Episoden; 1918) selbst in Serie. Feuillade ist Regisseur, Drehbuchautor, Studiobesitzer und Produzent in einer Person. Er dreht schon ab 1905 kurze Filme und produziert schließlich gleichzeitig mehrere sérials für Gaumont. Außenaufnahmen und eine Bildkomposition in die Tiefe des Raumes zeichnen Feuillades Filmästhetik aus. Die Wahl des Stoffes erfolgt angesichts der starken Konkurrenz durch die New Yorker Filiale von Pathé, die mit Les mystères de New York einen besonderen Erfolg feiert und damit auf Eugène Sues weltbekannten Feuilletonroman Les mystères de Paris (1842/43) anspielt. Allein zwischen 1916 und 1929 wirft Pathé 331 Episodenfilme auf den französischen Markt. Es kommt zum „Krieg der sérials“. Viele sérials begleitet als Roman die zeitgleiche Veröffentlichung des Drehbuchs der jeweiligen Episode. Die literarischen Vorlagen wiederum stammen oft aus der Feder von Krimiautoren wie Pierre Souvestre und Marcel Allain, die allein 32 Fantômas-Romane veröffentlichen. Victorin Jasset (1862-1913), Produktionsleiter bei Eclair, gilt mit Les aventures de Nick Carter (sechs Episoden; 1908) als der Begründer der sérials. Die Komödie wird vor allem durch Max Linder vertreten, dessen bekannteste Filme um 1910 entstehen. Als Helden der sérials gelten allerdings statt komischer Figuren eher Rächer und Verbrecher in einer großstädtischen Gesellschaft, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges durch Justiz und Polizei nicht mehr vor Korruption und Gewalt geschützt werden kann. Die sérials faszinieren die Surrealisten. Episodenfilme entstehen in dieser Zeit in vielen Ländern. In der späteren französischen Filmgeschichte wird ihnen mit Judex (Georges Franju; 1963) und Irma Vep (Olivier Assayas; 1996) ein Denkmal gesetzt.

Literatur: Gerhold, Hans: Der Zufallslyrismus der Serie und die Vorläufer des Kriminalfilms. Von Dolly’Abenteuer (1908) bis Die Vampire (1915/16). In: Fischer-Filmgeschichte. 1. Hrsg. v. Werner Faulstich u. Herlmut Korte. Frankfurt: Fischer 1994, S. 182-200.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: JT


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