Lexikon der Filmbegriffe

Skandal

von griech.: skandalon = Fallstrick, Anstoß, Ärgernis; im Dt. seit dem 18. Jahrhundert: skandalös = ärgerniserregend, anstößig, unerhört

Alle Skandale sind Medienskandale – weil öffentlich wird, was besser verborgen bliebe. Ob es um eklatante Versäumnisse der öffentlichen Aufsichtsbehörden in der Überwachung der Atommüllunterbringung, um Doping von Fahrradfahrern oder Pferden im Sport, die Steuerhinterziehung durch Repräsentanten öffentlicher Moral, um Kindesmißbrauch durch katholische Priester oder die Beteiligung israelischer Truppen an einem Massaker in Beirut geht – es sind oft grobe Normverstöße, Grenzüberschreitungen, aus niederen Motiven vollzogene Missbräuche von Rechten oder Vernachlässigungen von Pflichten, die dann meist zu öffentlichen Diskursen über moralische, juristische oder die Ziemlichkeit betreffende Fragen führen. Skandale werden durch Aufdeckung und Berichterstattung erst hervorgebracht. Ihre Hauptdarsteller sind Produkte der dramatischen Struktur des Skandals, also Figuren wie im Theater; sie sind symbolische Täter oder Opfer.
Für den Leser von Zeitungen und den Zuschauer von Fernsehen ist lang schon erwiesen, dass es eine ausgeprägte Neugierde für Skandale gibt. Skandale ziehen Aufmerksamkeit auf sich, sie geben Gesprächsstoff ab, induzieren Folgekommunikation. Insbesondere die Boulevard-Journalistik lebt von der Skandalisierung ihrer Nachrichten, wobei der Rekurs auf Werte weniger als Anlass denn als Vorwand der Skandal-Kommunikation dient. Darum auch wird insbesondere die Realität des politischen, ökonomischen, religiösen und künstlerischen Lebens moralisch aufgeladen, das Handeln der Akteure in den verschiedenen Feldern zunehmend mit Verhaltenskodices unterlegt. Ob die Skandalrezeption als reflexiv anzusehen ist, ist ungeklärt – der Skandalrezipient tritt aber eindeutig in eine klar definierte Interaktion mit den Skandalproduzenten. Der Reiz des Rezipienten liegt dabei in einer Art Ersatzbefriedigung, da durch die Medien stellvertretend Dinge thematisiert werden, die normalerweise verdrängt und kaum verhandelbar erscheinen, zudem aber auch in einer moralischen Entlastung der eigenen Person und Position beitragen.

Literatur: Skandal. Die Macht öffentlicher Empörung. Hrsg. v. Jens Bergmann u. Bernhard Pörksen. Köln: Halem 2009 (Edition Medienpraxis. 6.). – Kepplinger, Hans Mathias: Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit. München: Olzog 2001. – Pundt, Christian: Medien und Diskurs. Zur Skandalisierung von Privatheit in der Geschichte des Fernsehens. Bielefeld: Transcript 2008.
 

Referenzen:

Medienskandal

Skandalfilm


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: JH AO


Zurück