Lexikon der Filmbegriffe

Skandalfilm

Dass Kinofilme immer wieder Geschmacks- und Ziemlichkeitsgrenzen überschreiten, fußt auf einer Freiheit, die voyeuristische Motive der Zuschauer anspricht, die aber auch juristisch als „Freiheit der Kunst“ zum Streitgegenstand werden kann. Immer wieder haben Filme den Protest von meist konservativen Interessengruppen stimuliert, die sich in öffentlichen Kampagnen, Verbotsanträgen und sogar Kinobesetzungen oder -zerstörungen Luft machten. Insbesondere Sexualität (manchmal auch exzessive Gewaltdarstellung) war immer wieder Anlass zur Skandalisierung von Filmen: Die Nacktauftritte etwa von Hedy Lamarr in Ekstase (Tschechoslowakei/Österreich 1933, Gustav Machatý) oder von Hildegard Knef in Die Sünderin (BRD 1951, Willi Forst) führten zu erbitterten öffentlichen Protesten. Richard Oswalds Die Prostitution (1919) – dem ersten Teil Das gelbe Haus folgte noch im gleichen Jahr ein zweiter Die sich verkaufen – deutet ebenso wie Ingmar Bergmans Tystnaden (Schweden 1963) darauf hin, dass die öffentliche Thematisierung von Sexualität zu den wichtigsten Motiven der Skandalmacher rechnet und die erbittertsten Proteste hervorrufen kann. Erst in den 1970ern tritt die Thematik zurück, Bernardo Bertoluccis Ultimo tango a Parigi (Italien/Frankreich 1972) war einer der letzten Skandalfilme.
Seitdem haben sich die Beteiligungsrollen am Skandalisieren neu verteilt – es wird seitens der Industrie versucht, Filme als Provokationen zu setzen, weil Skandalisierung eine der erfolgssichersten Strategien der Filmwerbung ist.
Es gibt einige Beispiele, die darauf hindeuten, dass Filme aber auch im politischen Feld als Skandalfilme wirken können. All Quiet on the Western Front (USA 1930) führte in Deutschland zu derartig heftigen Protesten von Nationalsozialisten und anderen vaterländisch Gesinnten, dass die Universal den Film umschnitt und in einer deutlich abgemilderten Fassung auf den Markt brachte.
Filme sind öffentliche Gegenstände – zuletzt zeigte die Ermordung Theo van Goghs nach der Ausstrahlung seines TV-Films Submission: Part I (Niederlande 2004), wie sehr die Filmemacher als Teilnehmer an Öffentlichkeit exponiert sind. 


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HHM AS


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