Lexikon der Filmbegriffe

Strukturalismus

Sammelbezeichnung für eine Reihe von Forschungsansätzen aus Semiotik, Linguistik, Anthropologie, Literaturtheorie und Psychoanalyse, die Äußerungssysteme (wie Sprachen, Künste, Schriften u.a.m.) und Werke der Kunst (wie Filme) auf ordnende und organisierende Strukturen zurückführen, die eine Bedingung bilden für die Möglichkeit, Kommunikation herzustellen und Sinn zu erzeugen. Als Ausgangspunkt wird meist das Sprachmodell von Ferdinand de Saussure gewählt, der nicht nur die Zeichenhaftigkeit der Sprache zentrierte, sondern auch die fundamentale Unterscheidung von Sprachsystem und Realität des Sprachgebrauchs (langue und parole) einführte. Ziel der strukturellen Analyse ist es, sämtliche Einheiten eines Systems herauszuarbeiten, sie zu klassifizieren und ihre inneren systemischen Beziehungen zu bestimmen, sowie die Regeln ihrer Kombination zu beschreiben. Zur Erfassung der Bedeutungsstrukturen sind in einer überspitzten Auffassung der strukturalen Methode ausschließlich die inneren Beziehungen von Elementen in Systemen (wie z.B. Erzählungen, essayistischen Formen usw.) von Relevanz, nicht aber außersystemische Determinanten wie beispielsweise die Biographie des Regisseurs oder sozial- und kulturgeschichtliche Kontexte. Nach dem Modell der Sprache wurden auch andere semiotische Mittel (wie auch der Film) zu modellieren versucht.
Die Untersuchungen des Anthropologen Claude Lévi-Strauss vor allem zur Struktur mythologischer Texte bilden einen zweiten Referenzpunkt strukturaler Analyse, die kulturelle Sinnstrukturen auf binäre Oppositionen zurückführte, die mythologische Systeme oder aber einzelne Texte beherrschen. Die Narratologie (Erzählforschung) war der Bereich, der unter der Vorgabe des Strukturalismus am weitesten ausgebaut wurde. Unter der „Oberfläche“ des Erzählten galt es, „Tiefen-“ oder grammatische Strukturen aufzufinden, die für viele (oder sogar alle) Erzählungen überhaupt gelten sollten. Unter Rückgriff auf frühe Textgrammatiken (etwa von Vladimir Propp) entstanden eine ganze Reihe von Entwürfen zur Text- und Genretheorie (etwa von Algirdas Greimas oder von Gérard Genette), die bis heute intensiv diskutiert werden.
Von Beginn an provozierte die strukturale Methode massive Gegenpositionen – weil er so ganz von Bedeutungsstrukturen, vor allem auch von den historischen Bedingungen von Bedeutung absehe, weil er die einzelnen Werke nicht mehr einzeln würdige, sondern sie zu bloßen Beispielen abstrakter Regelwerke mache, und weil er Künste wie den Film als symbolische Konstrukte verabsolutiere und von der Tatsache so ganz abstrahiere, dass sie soziale Praxen darstellten und dass sie Teil und Funktion historischer Bedingungen seien. Schließlich werde (filmische) Bedeutung von allen besonderen sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Kontexten abgelöst.

Literatur: Wahl, François (Hrsg.): Einführung in den Strukturalismus. Frankfurt: Suhrkamp 1973. – Culler, Jonathan: Structuralist poetics. Structuralism, linguistics and the study of literature. London: Routledge & Kegan Paul 1975. – Metz, Christian: Sprache und Film. Frankfurt: Athenäum 1973. – Wollen, Peter: Signs and meaning in the cinema. Bloomington [...]: Indiana University Press 1969. 3rd. ed. 1972. – Möller, Karl-Dietmar: Filmsprache. Eine kritische Theoriegeschichte. Münster: MAkS Publikationen 1986. – Wright, Will: Six guns and society. A structural study of the Western. Berkeley [...]: University of California Press 1975. – Browne, Nick (ed.): Cahiers du cinéma, 1969-1972. The politics of representation. Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1990.


Artikel zuletzt geändert am 22.08.2011


Verfasser: HJW


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