Lexikon der Filmbegriffe

Soundscape


dt. etwa: Klanglandschaften; gebildet nach dem Muster: landscape = Landschaft

Der Begriff Soundscape bezeichnet die Gesamtheit einer „klingenden“ Umgebung und wird vor allem in der modernen Musik verwendet. Die geläufigste deutsche Übersetzung lautet ,Klanglandschaft‘. Dabei wird zwar die plastische Analogie zur visuellen Landschaft verdeutlicht, jedoch lässt der Begriff die notwendige Unschärfe des englischen Begriffes ,sound‘. In Film, Theater und Hörspiel sind die Begriffe Geräuschkulisse bzw. Atmo gebräuchlich. Wollen Filme einen realitätsnahen Eindruck erzielen, so müssen sie unsere spezifischen akustischen Umwelten imitieren. Soundscapes sind in historischer Veränderung. Im 19. Jahrhundert etwa bestand das natürliche Umgebungsgeräusch primär aus Naturtönen; in der Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich Radio, Schallplatten, Motoren und anderes als weitere, künstlich-kulturelle Schallquellen dazugesellt. Robert Altmans Thieves Like Us (USA 1974) etwa mischt permanent einen diegetisch-extradiegetischen Radioton in die Dialoge und Geräusche ein, der der Geschichte eine sehr eigenwillige Zeitbestimmung zuordnet, sie zugleich in einer eigenen Spannung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ansiedelt.
Die Atmo kondensiert oft stereotyp deren bestimmte und leicht dechiffrierbare Bestandteile. So setzt sich beispielsweise für den Handlungsort „Bahnhof“ der Atmoton aus dem Geräusch einfahrender Züge, von Schritten auf dem Bahnsteig, Lautsprecherdurchsagen, Gepäckwagen u.a. zusammen. Der amerikanische Terminus Sound Image deutet noch stärker darauf hin, dass es sich auch bei den akustischen Konstruktionen im Film um Ton-Bilder handelt, welche nach künstlerischen Gesetzmäßigkeiten organisiert sind.
Zuerst verwendet wurde Soundscape von dem kanadischen Komponisten und Ton-Designer Raymond Murray Schafer als Bezeichnung für das sonic environment, das in den 1960ern auch das Rohmaterial für die musique concrète abgab, in der es darum ging, solche naturalistischen Klangobjekte in musikalisch-ästhetische Strukturen zu überführen. Auch wenn die Tonmontagen von Regisseuren wie Robert Altman das Programm der musique concrète aufzugreifen scheinen, so ist doch die Arbeit des Ton-Designers im Film anders gelagert - hier geht es eher darum, die charakteristischen Elemente von stadt- oder regionenspezifischen Soundscapes zu gestalten, sie zu Wesentlichem zu kondensieren und zu konzentrieren. Aber auch in der (Film-)Musik finden sich Musiker, die in ihren Kompositionen Soundscapes einsetzen, wie etwa Brian Eno, Steve Reich und Luc Ferrari. 

Literatur: Schafer, Raymond Murray: Klang und Krach. Eine Kulturgeschichte des Hörens. Frankfurt: Athenäum 1988. Zuerst engl. als: The tuning of the world. Repr. als: The soundscape. Our sonic environment and the tuning of the world. Rochester, Vt.: Destiny Books 1994 - Chion, Michel: Film, a sound art. New York/Chichester: Columbia University Press 2009. Zuerst frz.: Art sonore, le cinéma. Histoire, esthétique, poétique. Paris: Cahiers du Cinéma 2003. - Soundscape: the School of Sound Lectures, 1998‑2001. Ed. by Larry Sider, Diane Freeman & Jerry Sider. London / New York: Wallflower Press 2003.


Referenzen:

Key Sound

Klangobjekt


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW W


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