Lexikon der Filmbegriffe

Empathie

Empathische Beschreibung ist gerichtet auf zweierlei, das oft gemischt wird: Zum ersten besteht das Verstehen einer anderen Person oder einer abgebildeten Figur im wesentlichen darin, den „inneren Blick“ dieser Figur auf das Handlungsgeschehen nachbilden zu können, den inneren intentionalen Zusammenhang einer Erlebenssituation von innen her zu rekonstruieren. In der Soziologie spricht man von „Rollenübernahme“ (taking the role of the other), davon ausgehend, dass die Fähigkeit, die innere Perspektive der Interaktionspartner übernehmen zu können, eine essentielle Voraussetzung für die Synchronisationen des sozialen Lebens sei. Dieses erste Verständnis ist unabhängig davon, ob der Empathisierende das innere Erlebnis des Empathisierten selbst realisiert oder es nur im Verstehen imaginierend nachbildet. Zum zweiten besteht nun aber empathische Beschreibung in der Annahme, dass es zu einer Nachbildung des empathisierten Gefühls im Empathisierenden selbst kommt. Der Beobachtende versetzt sich nicht nur kognitiv „an den Ort“ des Empathisierten, sondern wiederholt das empathisierte Gefühl als eigenes Gefühl. Nur so kann der Schauspieler mit der Rolle verschmelzen, die er spielt. Dieses mag auf den ersten Blick wie eine naive Schauspielertheorie anmuten, und auch die Vorstellung, dass ein Zuschauer das emotionale Erleben abgebildeter Figuren nachzeichne (sie „nacherlebe“), nimmt sich wie die Vorstellung eines Zuschauers aus, der wie eine Marionette dem Ausdruckserleben nachgeführt werde, das er beobachtet.
Das „Paradox der Fiktion“ besagt, dass der Zuschauer emotional auf etwas reagiert, von dem er weiß, dass es nicht existiert. Als vermittelnde und die empathische Versetzung ermöglichende mentale Operation setzen manche Theorien die Tätigkeit der Imagination an; Einigkeit besteht darin, dass Empathisieren zu den kognitiven Leistungen gehört, die ein Zuschauer in der Rezeption aufwendet. Die Reaktion auf das empathisierte Geschehen ist danach nicht unvermittelt und erfolgt nicht unmittelbar an der dargestellten Figur, sondern fußt auf einem imaginierten Szenario, das er erst im Verlauf der Rezeption aufgebaut hat.
Empathische Prozesse sind transitorisch und werden permanent der sich verändernden Situation nachgeführt. Sie sind meist prospektiv ausgerichtet auf die Handlungsmöglichkeiten und -dimensionen, auf die Emotionen, die das Geschehen den Akteuren verursacht. Empathien sind hypothetischer Natur und können darum permanent revidiert werden. In diesem Sinne sind sie reflexiv und können sowohl in der laufenden Szene (oder „Empathie-Episode“) oder aber auch danach umgeformt (ergänzt, abgeschwächt, zurückgenommen oder sogar ganz revidiert) werden.

Literatur: Brinckmann, Christine N.: Somatische Empathie bei Hitchcock: Eine Skizze. In: Der Körper im Bild: Schauspielen – Darstellen – Erscheinen. Hrsg. v. Heinz-B. Heller, Karl Prümm u. Birgit Peulings. Marburg: Schüren 1999, S. 111-120. – Lichtenstein, Edward H. / Brewer, William F.; Memory for goal-directed events. In: Cognitive Psychology 12, 1980, S. 412-445. – Neill, Alex: Empathy and (film) fiction. In: Post-theory. Reconstructing film studies. Ed. by David Bordwell & Noël Carroll. Madison: University of Wisconsin Press 1996, S. 175-194. – Smith, Murray: Imagining from the inside. In: Film Theory and Philosophy. Ed. by Richard Allen & Murray Smith. Oxford / New York: Clarendon Press 1997, S. 412-430.

Referenzen:

Affekt / Gefühl / Emotion und Film

aftermath

anempathetischer / empathetischer Ton

empathisches Feld

love interest

zentrales / azentrales Imaginieren


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück