Lexikon der Filmbegriffe

Symbolismus

von griech.: symbolon = Zeichen, Kennzeichen

Als Symbolismus bezeichnet man eine im 19. Jahrhundert in ganz Europa verbreitete Richtung in Literatur und bildender Kunst, die sich als Gegenbewegung zum Vernunftkult der Aufklärung begriff und die den transrationalen Bereich des Traumes und der Phantasie zu kultivieren suchte. Als programmatischer Kampfbegriff wurde er durch den französischen Literaten Jean Moréas, der in einem ‚Manifeste littéraire‘ genannten in einem Aufsatz des Figaro (13.9.1886) damit vor allem eine Richtung der zeitgenössischen Lyrik bezeichnen wollte. Er gab aber tatsächlich einer viel breiteren Bewegung auch in den Bildenden Künsten den Namen, die von etwa 1880 bis 1920 größte Bedeutung hatte und bis heute in die Kunstentwicklung ausstrahlt. Symbolistisch orientierte Künstler wandten sich gegen Impressionismus, Realismus, Naturalismus und das Wissenschaftliche überhaupt, setzten eine radikal subjektive wie aber auch mythologisch angeregte Phantasie dagegen. Die Motive waren meist traumhaft-visionär oder auch märchenhaft-beschwörend ausgewählt, kulturelle Tiefenthemen wie Tod, Traum und Eros wurden ebenso thematisiert wie Formen der psychischen Grunderfahrung, gängige Wahrnehmungsmuster wurden außer Kraft gesetzt, die Grenzen zwischen den Künsten zumindest tendenziell aufgelöst. Die Auswirkungen des Symbolismus machen sich insbesondere in Expressionismus und Surrealismus bemerkbar, aber auch in den diversen Versuchen der Avantgarden, Formprinzipien der Künste selbst zum Thema zu machen und z.B. Farblichkeit und Flächigkeit der Bildkomposition als reflexive Elemente des künstlerischen Diskurses selbst zum Thema zu machen. Der vers libre, eine Zwischenform von Vers und Prosa, wurde zum höchsten Ausdruck einer poésie pure als höchster Ausdrucksform des l’art pour l’art. Ungelöst ist der Widerspruch zwischen den meditativen und spiritualistischen Elementen symbolistischer Kunst und dem dagegen stehenden Anspruch eines radikalen Anti-Illusionismus.
Das Erbe des Symbolismus im Film ist ebenso reich wie unübersichtlich. Surrealistische wie expressionistische Filme stehen thematisch und ikonografisch in seiner Tradition. Das Avantgarde-Kino nahm sich in den 1920ern der reinen Form-Reflexion an (im abstrakten Film oder auch im cinéma pur). In den Filmen Ingmar Bergmans, Andrei Tarkovskys, Federico Fellinis oder auch Michelangelo Antonionis sind vor allem auch visuell die Spuren zur symbolistischen Bildnerei ausgelegt, sie lassen sich aber auch in den komplexen referentiellen Beziehungen der Filme nachweisen. Neben psychoanalytischen Versuchen, das Symbolische als Ausdrucksfläche des Unterbewussten auszulesen, finden sich in der neueren Literatur vor allem Versuche, Texte der Populärkultur – von der Lord of the Rings-Trilogie bis zu der TV-Serie Northern Exposure – symbolistisch zu interpretieren.

Literatur: Casebier, Allan: Representations of reality and reality of representation in contemporary film theory. In: Persistence of Vision. The Journal of the Film Faculty of the City University of New York, 5, Spring 1987; S. 36-43. - Gaube, Uwe: Film und Traum. Zum präsentativen Symbolismus. München: Fink 1978. – Baudrillard, Jean: Beyond the unconscious – the symbolic. In: Discourse, 3, Spring 1981, S. 60-87. – Librach, Ronald S.: Reconciliation in the realm of fantasy. The Fellini world and the Fellini text. In: Literature/Film Quarterly 15,2, 1987, S. 85-98. – Kong, Haili: Symbolism through Zhang Yimou's subversive lens in his early films. In: Asian Cinema: a Publication of the Asian Cinema Studies Society 8,2, 1996, S. 98-115. – Cooks, Leda M. / Aden Roger C.: Northern Exposure‘s sense of place. Constructing and marginalizing the matriarchal community. In: Women's Studies in Communication 18,1, 1995, S. 1-17.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: CA


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