Lexikon der Filmbegriffe

Tachyskop

auch: Elektrotachyskop, Schnellseher, Anschütz-Schnellseher, Electrical Wonder Automat

Der Fotograf Ottomar Anschütz stellte im Preußischen Kultusministerium in Berlin am 19.3.1887 erstmals einen Apparat vor, in dem sich eine Scheibe mit 1,5m Durchmesser drehte. Auf ihrem Rand waren 9x13cm große Glasplatten mit Phasenfotografien angebracht; erst seit 1892 verwendete Anschütz Zelluloid-Platten. Die Scheibe wurde mit einer Kurbel gedreht, bis eine Frequenz von ca. 16 Bildern und mehr pro Sekunde erreicht war. Dann fügten sich die Photographien, die von hinten beleuchtet waren und durch einen Sehschlitz betrachtet wurden, zu einem Bewegungseindruck zusammen. Das Verfahren wurde schnell bekannt. Auf der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung von Mai bis Oktober 1891 in Frankfurt konnte der Schnellseher mit Münzeinwurf frei benutzt werden. Tänze, Fechtübungen, Akrobatik, Gymnastik und Pferderennen bildeten die angebotenen Sujets. 1892 wurde der Apparat in Paris und London präsentiert, 1893 auf der Weltausstellung in Chicago. Es entstanden „Schnellseher-Hallen“ in Berlin, Paris, London, New York und Boston. Siemens & Halske (Berlin) übernahmen 1891-93 die Herstellung des Apparats. Insgesamt wurden ca. 140 Stück gebaut, größeren Teils mit Geldeinwurf zu öffentlicher Aufstellung. 1892 wurde die Electrical Wonder Company gegründet, die den Apparat weltweit (außer in Deutschland. Österreich und den USA) vermarkten sollte; die Gesellschaft stellte aber schon 1893 die Arbeit ein. Der Schnellseher genoss hohe Publikumsattraktivität, geriet aber nach den ersten Filmprojektionen 1895 schnell in Vergessenheit, obwohl Anschütz noch 1894 ein Projektionsverfahren für die Phasenbildfolgen des Tachyskops entwickelt und in Berlin vorgeführt hatte. Doch waren die Bildfolgen, die man mit tachyskopischen Methoden projizieren konnte, zu kurz, um dauerhaft am Markt bestehen zu können.

Literatur: Rossell, Deac: Ottomar Anschuetz and his Electrical Wonder. London: The Projection Box 1997. Dt. als: Faszination der Bewegung. Ottomar Anschütz zwischen Photographie und Kino. Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern 2001 (KINtop Schriften. 6.).


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: JH


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