Lexikon der Filmbegriffe

Transversalität

Konzept aus der Geometrie – eine Transversale ist ein Dreieck oder eine Gerade, das bzw. die eine mathematische Figur schneidet. In einer strikt metaphorischen Bezeichnung soll Transversalität einen ästhetischen Schlüsselimpuls bezeichnen, durch den Darstellungskonventionen und -potentiale aller Künste – Tanz, Film, Video, Fernsehen, Musik, Radio, Theater, Malerei, Skulptur, Literatur etc. – gleichermaßen als Impulsgeber für neuere avantgardistische Kunstproduktion nutzbar gemacht werden. Damit lösen sich die Grenzen zwischen den Künsten auf, es entsteht ein Feld ebenso spielerischen wie widerspruchsvollen Austauschs. Transversalität soll gleichzeitig eine ästhetisch-politische Praxis bezeichnen, die die überkommenen wissenschaftlichen und künstlerischen Disziplinen, die gesellschaftlichen Institutionen und die politischen Machtkonstellationen schneidet, sie dadurch in Frage stellt oder sogar unterwandert. Das Transversale lässt sich darum nicht künstlerischen Objekten ablesen, sondern konstituiert sich einzig in ästhetischer Praxis, in der Organisationsstrukturen verflüssigt und darum veränderbar werden. Filmarbeit in diesem Horizont ist so nicht auf das Werk orientiert, sondern aktionistisch begründet.
Im Kontext der politisch-ästhetischen Debatten um 1968 entstanden, fand das Konzept in Form von Public Art (auch: partizipatorische Praxen, Community Arts, New Genre Public Art, Kommunikationsguerilla, konkrete Intervention u.a.m.) In den 1990ern recht breit rezipiert, wurde gleichwohl dem Modell vorgeworfen, nicht wirklich emanzipatorisch, sondern revisionistisch zu wirken, sogar neoliberale Tendenzen zu unterstützen.

Literatur: Guattari, Félix: Transversalität. In seinem: Psychotherapie, Politik und die Aufgaben der institutionellen Analyse. Frankfurt: Suhrkamp 1976, 39-55. – Genosko, Gary: Félix Guattari. An Aberrant Introduction. London: Continuum 2004. – Transversal. Kunst und Globalisierungskritik, Wien: Turia+Kant 2003. – Hausbei, Kerstin (Hrsg.): Transversale. 1. Distanciation - compreéhension = Abstand – Verständnis. Paderborn: Fink 2005. Fortges. als: Transversale. 2. Erfahrungsräume = Configurations de l'expérience. München: Fink 2006.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: HJW


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