Lexikon der Filmbegriffe

Trash-TV (1): Geschichte

von engl.: trash = Abfall, Schund; mit eingedeutschtem Adjektiv: trashig = schrill, geschmacklos

Trash-TV ist ein Abkömmling der historischen Freak Show und des theatralischen Grand Guignol. Es bezieht sich auf die Zuschauer bindende Repräsentation des Leerlaufs menschlicher Sozialität zwischen Aufmerksamkeit heischendem Wochenmarktgeschrei als Kommunikationssurrogat und selbstgefälligem Jahrmarkt menschlicher Eitelkeiten. In absichtsvollem Gegensatz zur angestrebten Sachlichkeit ernsthafter Fernsehdiskussion mit volkserzieherischem Anspruch, wie die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten der alten Bundesrepublik ihre Programme oft verstanden, ist das Ausstellen selbstverliebter Anders- und Abartigkeit das eigentliche Thema des Trash-TV mit dem Ziel, populärkulturelle Schauwerte programmatisch zur Generierung von Einschaltquoten zu nutzen.
Zwar gab es schon seit den 1970er Jahren immer wieder Ausrutscher einzelner Teilnehmer in Diskussionsrunden und Talkshows (wie die berühmt gewordenen Entgleisungen des Schauspielers Klaus Kinski im WDR), die dann jahrelang erinnert und bewundernd-ungläubig ventiliert wurden, aber erst mit den Versuchen der seit 1984 neu zugelassenen privaten Fernsehsender, extreme Präsentationsformen des amerikanischen Daytime TV (z.B. The Oprah Winfrey Show, 1986ff., The Morton Downey Jr. Show, 1987-89, The Jerry Springer Show, 1991ff.) im deutschen Fernsehen zu etablieren, kann man von einem eigentlichen Trash-TV sprechen, das nicht mehr nur an ‚billigen‘ Produktionswerten und geringer finanzieller Ausstattung (wie bei zahlreichen Soaps) festzumachen wäre.
Neuerdings festzustellen ist ein Trend zu besonderen Sozialaquarien, in denen sogenannte „B-Prominente“, die ihre fernsehtaugliche Trashlastigkeit bereits anderweitig unter Beweis gestellt haben, angekündigte Ekel-Mutproben zu bestehen haben (etwa: Dschungelcamp).

Literatur: Manga, Julie Engel: Talking trash. The cultural politics of daytime TV talk shows. New York: New York University Press 2003. – Vom Boulevard- zum Trash-TV. Fernsehkultur im Wandel. Dokumentation vom BLM-Rundfunkkongress 1997. München: Fischer 1998 (BLM-Schriftenreihe. 49.). – Simon, Richard Keller: Trash culture. Popular culture and the great tradition. Berkeley: University of California Press 1999.

Referenzen:

daytime

Trash-TV (2): Charakteristiken


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: LK


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