Lexikon der Filmbegriffe

Rahmen

In der Bildenden Kunst ist es üblich, Bilder in Rahmen auszustellen. Im Film gibt es in dem Sinne keine Rahmen. Aber schon in manchen Bezeichnungen der filmischen Einstellung ist auf die kompositionelle Eigenständigkeit des Bildes, das durch den Rahmen eindeutig gegen die Umgebung abgegrenzt und so als eigenständige Fläche ausgewiesen wird, hingewiesen. Das ital. inquadratura etwa benennt das „Inquadrieren“, das gleichzeitige In-den-Rahmen-Stellen und Zum-Bild-Machen, als den relevanten, namengebenden Akt. Auch die engl. Bezeichnung frame für „Bildfeld“, „Einzelbild“, aber auch für „Rahmen“ gemahnt an die Ausschnitthaftigkeit und Begrenztheit der Einstellung. Im Frz. spricht man sogar explizit vom mise-en-cadre, vom In-den-Rahmen-Setzen; das „Kadrieren“ (von frz.: cadrage) ist sogar ins Dt. eingewandert.
Rahmen sind Orte, an denen der perzeptive Raum von Bildern und die aktuelle Wahrnehmungsumgebung aneinanderstoßen. Bilder können wiederum Bilder abbilden. Rahmen zeigen die Doppelcharakteristik von Bildern als Objekte und als Repräsentationen eines imaginären Raums an. Die Beziehung zwischen Bild und Bild-Träger (= Objekt) ist problematisch, wo das Bild über den Rahmen hinauszuweisen scheint. Ein fotografierter Blick, der ins nicht mehr abgebildete Abseits geht (wie in manchen Fotografien Weegees); eine Straße, die sich über den Kartenrand hinaus verlängern ließe (in der Kartographie); eine Bewegung, die ins Jenseits zielt (wie in der Sportfotografie); und im Film: eine Erwartung, die das Off-Screen auflädt, dort Monster und Schrecken ansiedelt: In allen diesen Formen wird deutlich, dass die Interpretation des Abbildes den Rahmen sprengt und überschreitet. Filmische Inszenierung ist oft Spiel mit dem (unsichtbaren) Rahmen, eine Instrumentierung des Offs (=Außerhalb des Rahmens), das vor allem zeitlich als Ziel einer nicht enden wollenden Kette von Verweisen erschlossen wird.

Literatur: Kübler, Renate: Der Bilderrahmen im Lichte seiner Funktionen. Diss. Tübingen 1970. – Simmel, Georg: Der Bildrahmen. In seinem: Philosophie der Kunst. Postdam: Gustav Kiepenheuer 1922, S. 46-54. Zuerst: Der Bildrahmen. ein ästhetischer Versuch. In: Der Tag, 541, 18.11.1902. Repr. u.a. in Simmels: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Frankfurt: Suhrkamp 1995, S. 101-108. – Uspenskij, Boris A.: Poetik der Komposition. Struktur des künstlerischen Textes und Typologie der Kompositionsform. Frankfurt: Suhrkamp 1975, S. 157ff. (Edition Suhrkamp. 673.). Zuerst russ. 1970.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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