Lexikon der Filmbegriffe

Robespierre-Affekt

Nicht nur funktionalistische Überlegungen deuten darauf hin, dass Gewaltdarstellung in einem paradoxen Wirkungskreis steht - dargestellte Gewalt dient dazu, Gewalt zu problematisieren und sie nur unter besonderen Bedingungen zu legitimieren (insbesondere als reaktive Gewalt, Gewalt also, die auf angetane Gewalt antwortet). Deutet schon diese Überlegung auf die Ächtigkeit moralischer Rahmenbedingungen in der Darstellung und Wahrnehmung von Gewalt hin, bestätigt sich der letztlich moralische Argumentationsgrund der filmischen Gewaltkommunikation auch empirisch: Hier wird der Robespierre-Affekt definiert als ein Versuch, eine als „offen“ perzipierte Gewaltkette durch die Usurpation von Strafgewalt eigenmächtig zu schließen. Pointiert gesprochen ist der Robespierre-Affekt Rache in moralischem Gewand. Der Zuschauer beantwortet die Betrachtung nicht-geahndeter Gewalt gegen Opfer mit einer latenten Bereitschaft, Bestrafungen der Täter außerhalb des Justizsystems zu akzeptieren oder sogar zu wünschen; je wehrloser die Opfer sind, desto höher ist der Solidarisierungseffekt mit ihnen. Manche Formen des „Kinos der Empörung“ (etwa im Politfilm) inszenieren das Paradox als Verfahren, den Zuschauer einzunehmen.Der Begriff des Robespierre-Affekts wurde in der vorliegenden Definition von Jürgen Grimm in die kommunikationswissenschaftliche Terminologie zur Bezeichnung eines nichtimitativen Typus medieninduzierter Aggression eingeführt, der von der moralischen Empörung lebt und diese in eine (latente) Gewaltbereitschaft gegen „Täter“ übersetzt. Er kennzeichnet aber auch einen weit verbreiteten Mechanismus außerhalb der Medien, Täter in einer moralisch-aggressiv überschießenden Reaktion ihrerseits zu Objekten von Gewaltanwendung zu machen.

Literatur: Grimm, Jürgen: Der Robespierre-Affekt. Nichtimitative Wege filmischer Aggressionsvermittlung. In: Kultur in der Informationsgesellschaft. Hrsg. v. W. Mahle. Konstanz: UVK 1998, S. 101-122 (AKM-Studien. 42.). – Grimm, Jürgen: Fernsehgewalt. Zuwendungsattraktivität, Erregungsverläufe, sozialer Effekt. Zur Begründung und praktischen Anwendung eines kognitiv-physiologischen Ansatzes der Medienrezeptionsforschung am Beispiel von Gewaltdarstellungen. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Vlg. 1999. V.a. Kap. 11.


Artikel zuletzt geändert am 24.07.2011


Verfasser: HJW


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