Lexikon der Filmbegriffe

Reality-TV

dt. manchmal: Realitätsfernsehen

Das, was heute verkürzt Reality TV heißt und eine Sammelbezeichnung für eine Klasse sehr heterogener Genres der Fernsehberichterstattung und -unterhaltung ist, hieß im amerikanischen Sprachgebrauch ursprünglich Reality Based Stories. Hier sind zwei Bestimmungsstücke deutlicher ausgestellt, die für eine Analyse von Reality-TV grundlegend sind: Man hat es mit Geschichten zu tun, die wirklich passiert sind. Entsprechend sind Narrativität und Dokumentarisierung elementare Charakteristika derartiger Formen.
Thematisch geht es meist um Geschehnisse, die nur in individuellen Lebenswelten Sinn machen und deren Bedeutung kaum über den Raum des Individuums hinausreicht. Das kritische Lebensereignis im Mittelpunkt der Sendung wird fast immer mit Hilfe von Akteuren des öffentlichen Bereichs – Feuerwehr, Rettungsdienste, Polizei – gelöst. Der Unfall, das Verbrechen, der Verlust eines Menschen liefern den Anlass für eine Lösungsdemonstration, von der das Image staatlicher Institutionen profitieren kann. Im günstigsten Fall verwischen sich die Grenzen zwischen Sensation, Information und Lebensberatung.
Reality-TV ist eine mediatisierte Form der Alltagserzählung und hat sowohl formal wie inhaltlich seinen Unterboden in oraler Vis-à-vis-Erzählung. Da es fast immer darum geht, Privatpersonen in Krisensituationen zu bringen und diese öffentlich darzustellen, ergaben sich von Beginn an z.T. heftige juristische, moralische und ideologische Einwände.
Programmformen des Reality-TV erlebten nach 1990 in fast allen nationalen Fernsehsystemen eine breite Zuwendung, die bis heute andauert. Es handelt sich immer um serielle Formate; dramaturgisches Zentrum ist neben dem Ereignis die Reaktion der Betroffenen. Eine Grundunterscheidung besteht darin, ob Formate Realität darstellen oder Realität erzeugen – manche greifen auf Realgeschehnisse zurück, andere dagegen inszenieren Szenarien, in denen sich Akteure „wie in der Realität“ verhalten müssen („Realitätsfernsehen“). 

Literatur: Kilborn, Richard: Real Can You Get? Recent Developments in „Reality“ Television. In: European Journal of Communication, 9, 1994, S. 421-439. – Klass, Nadine: Rechtliche Grenzen des Realitätsfernsehens. Ein Beitrag zur Dogmatik des Menschenwürdeschutzes und des allgemeinen Persönlichkeitsrechts. Tübingen: Mohr Siebeck 2004. – Das Private in der öffentlichen Kommunikation. „Big Brother“ und die Folgen. Hrsg. v. Martin K. W. Schweer [...]. Köln: von Halem 2002. – Wegener, Claudia: Reality-TV. Fernsehen zwischen Emotion und Information? Opladen: Leske und Budrich 1994. – Wulff, Hans J.: Reality-TV. Von Geschichten über Risiken und Tugenden. In: Montage/AV 4,1, 1995, S. 107-123.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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