Lexikon der Filmbegriffe

Reality-TV: Subformen

Es gibt eine große Zahl von Subformen des Reality-TV:

Augenzeugen-Videos, in denen oft zufällig entstandene Videoaufnahmen vor allem von Unglücksfällen, Katastrophen, großen Rettungseinsätzen der Feuerwehr und dergleichen mehr dramatisiert werden;
Reality Soaps, in denen Alltagsleben manchmal unter nahezu experimentellen Bedingungen beobachtet wird (wie in der MTV-Produktion The Real World, 1992ff); ein Urahn ist die 12teilige amerikanische Serie An American Family (1973), die die Scheidungsphase einer Familie zeigte;
Reality Shows – dazu rechnen Formen, die mit Spielelementen durchzogen sind (wie in Big Brother, Niederlande 1999ff); mehrfach wird dazu ein begrenzter Zeitrahmen gegeben, in dem die Beteiligten „Sympathiepunkte“ gewinnen können, die am Ende mit einem Preis entgolten werden (wie in der sexistischen Show Girlscamp, BRD 2001); Filme wie The Truman Show (USA 1998, Peter Weir) thematisieren die ethische und medienkritische Debatte, die gerade die Soap-Varianten des Realitätsfernsehens stimuliert hat;
Versteckte-Kamera-Formate (candid camera), die es schon seit den 1950ern gibt und meist darauf ausgerichtet sind, Personen der Realität einen Streich zu spielen und diesen wiederum aufzuzeichnen;
Reportage-Soaps, in denen es um die Arbeit von Berufsgruppen wie Feuerwehrleuten (in Sendungen wie Notruf, BRD 1992ff), Polizisten (Cops, USA 1989ff) oder Erziehungsberatern (wie in Die Super Nanny, BRD 2004ff) geht und dabei zwischen Spiel- und Reportage-Elementen austariert sind;
Rollenspiel-Shows, in denen in der Öffentlichkeit (gelegentlich auch in anderem Rahmen) von Schauspielern Szenarien erzeugt werden, in die nicht eingeweihte Laien involviert werden (die meisten dieser Formate gehören dem komischen oder satirischen Genre zu; man denke hier auch an die Filmsatire Borat, USA 2006, Larry Charles); dazu rechnen auch Familientausch-Serien wie Frauentausch (BRD 2003ff);
Selbstverbesserungs-Shows (makeover shows) erzählen von realen Personen, die entweder ihre Umwelt verschönern (oder denen sie verschönert wird wie in den diversen Renovierungs-Shows à la Einsatz in vier Wänden, BRD 2003ff) oder die sich Schönheitsoperationen unterziehen (wie in I Want a Famous Face, USA 2004ff);
Help- und Coaching-Shows, in denen es um Erziehungshilfe, Ehe-, Ernährungs-, Gesundheits- oder Schuldenberatung bis zu Arbeits- oder Ausbildungssuchen und ähnlichem geht; dazu rechnet auch ein extremes Format wie die holländische De Grote Donorshow (2007), in der ein Organspender vor laufender Kamera den Empfänger auswählt;
Gerichtsshows, die eine Gerichtsverhandlung simulieren; gerade diese Form ist älter (Das Fernsehgericht tagt, BRD 1961-1978), erlebte aber in den 1990ern einen unerhörten Aufschwung (Richterin Barbara Salesch, BRD 1999ff);
Suchsendungen, in denen Kriminalfälle nachinszeniert werden und in den Aufruf einmünden, der Polizei sachdienliche Hinweise zu geben (wie in der ZDF-Produktion Aktenzeichen XY ungelöst, BRD 1967ff).

Literatur: Dovey, Jon: Freakshow. First person media and factual television. London [...]: Pluto Press 2000. – Kilborn, Richard W.: Staging the real. Factual TV programming in the age of Big Brother. Manchester/New York: Manchester University Press 2003. – Lücke, Stephanie: Real life soaps. Ein neues Genre des reality TV. Münster/Hamburg/London: Lit 2002. – Winterhoff-Spurk, Peter / Heidinger, Veronika / Schwab, Frank: Reality-TV. Formate und Inhalte eines neuen Programmgenres. Saarbrücken: Logos-Vlg. 1994.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: CA


Zurück