Lexikon der Filmbegriffe

Paradox der Fiktion

auch: paradox of emotional response to fiction

Rezipienten der Fiktion reagieren emotional und empathisch auf Figuren, von denen sie wissen, dass sie nicht real sind. Sie trauern um Anna Karenina, wissend, dass jene eine Erfindung ist. Die Tatsache wirft ein erhebliches Problem in der Bestimmung des Rezipienten auf: Um sich auf rationale Weise einem Gegenstand gegenüber emotional zu verhalten oder gar zu engagieren, muss man davon überzeugt sein, dass es diesen Gegenstand auch gibt. Von den Charakteren, die die fiktionalen Welten literarischer Werke bevölkern, glauben wir aber nicht, dass es sie gibt. Insofern fußt Rezeption auf einer scheinbar irrationalen Grundeinstellung des Rezipierenden zum Rezipierten. Auch wenn man annimmt, dass Rezipienten sich aus freien Stücken fiktionalen Werken zuzuwenden, in dessen Verlauf sie sich emotional engagieren, um imaginierend bestimmte Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen (dass die Aneignung von Rezeptionen selbst also rational begründet und das Paradox somit funktional „eingerahmt“ wäre), bleibt die Frage unbeantwortet, ob sich ein Rezipient, der sich den Satz „Ich richte eine Emotion auf einen Gegenstand und dieser Gegenstand existiert nicht“ zuschreibt, rational verhält. Das Paradox ist nicht aufgelöst. Manche argumentieren, dass auch die Emotionen, die durch fiktionale Charaktere angeregt werden, nur von „fingierter Natur“ seien; andere behaupten, dass die Existenzannahme für emotionale Reaktionen nicht wesentlich sei; und wiederum andere behaupten, das Paradox sei unproblematisch, weil der Rezipient eine „Illusion“ erschaffe, in der die Charaktere als „existent“ konstituiert sind.

Literatur: Levinson, Jerrold: Emotion in Response to Art. A Survey of the Terrain. In: Mett Hjort u. Sue Laver (Hgg.): Emotion and the Arts. New York/Oxford: Oxford University Press 1997, S. 20-34. – New, Christopher: Philosophy of Literature. An Introduction. London/New York: Routledge 1999, Kap. 4. – Walton, Kendall L.: Fearing Fictions. In: Journal of Philosophy 75,1, 1978, S. 5-27.


Artikel zuletzt geändert am 25.07.2011


Verfasser: HJW


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