Lexikon der Filmbegriffe

poetischer Realismus

Französische Filme der 1930er und 1940er Jahre, hauptsächlich bis zur Besetzung Frankreichs durch die Deutschen. Der Filmhistoriker Georges Sadoul prägte den Ausdruck für die Filme von Marcel Carné, Julien Duvivier, Jean Grémillon, Marcel Pagnol, Jean Renoir, Jean Vigo, Jacques Feyder u.a. Wichtig für den Poetischen Realismus sind auch Jacques Prévert und Charles Spaak als Drehbuchautoren sowie Eugen Schüfftan an der Kamera und Alexandre Trauner bei den Kulissen. Der Poetische Realismus hat seine eigenen Stars wie Jean Gabin, Louis Jouvet oder Michèle Morgan. Gemeinsam sind den Filmen Themen wie die düstere Alltagswelt volkstümlicher Helden und die Vergeblichkeit der Liebe. In der Inszenierung verfahren die Regisseure aber höchst unterschiedlich. Eine Schlüsselstellung für den Poetischen Realismus besitzt Carnés Quai des brumes (Hafen im Nebel; 1938) mit Morgan und Gabin in den Hauptrollen. Die Wortkargheit der Figuren, die übersteigerte Bedeutung einzelner Objekte, das nächtliche Ambiente und das statuarische Auftreten der Schauspieler lassen an den Film Noir denken. Der Pessimismus wird zum Identifikationsangebot für den Zuschauer in Form einer Melancholie, die sogar den Tod des Helden am Filmende zur Lösung macht. Carné inszeniert vieles im Studio, während Pagnols oder Renoirs Filme durch Außenaufnahmen und durch den Einsatz von O-Ton und Laiendarstellern zum Teil dokumentarisch anmuten. Deshalb sind „Poesie“ und „Realismus“ bei jedem Regisseur unterschiedlich zu definieren. Bei Renoir kommt außerdem die Sympathie für den Kommunismus zum Ausdruck, indem der einzelne Held an eine soziale Gruppe gebunden bleibt. Renoir wählt als Filmausgang mehrfach den hoffnungsvollen Ausblick auf eine gemeinsame Zukunft von Gleichgesinnten, z.B. in Le crime de Monsieur Lange (Das Verbrechen der Herrn Lange; 1936). Bezeichnend ist, dass Renoir emigriert, während Carné zur Zeit der Occupation weiterhin in Frankreich arbeitet. Carné inszeniert gekonnt das Schicksal tragischer Helden und prägt so mit seinen späteren Filmen, darunter Les enfants du paradis (Die Kinder des Olymp; 1943-45), das Bild vom Poetischen Realismus.

Literatur: Raabe, Beate: Explizitheit und Beschaulichkeit. Das französische Erzählkino der Dreißigerjahre. Münster: MakS-Publikationen 1992.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: JT


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