Lexikon der Filmbegriffe

police procedural

dt. manchmal: Polizei-Krimi; manchmal synonym mit: Polizeifilm; als Begriff wohl von dem Kritiker Anthony Boucher (in der New York Times Book Review, 1956) vorgeschlagen worden

Die meisten Krimis handeln von einzelnen Verbrechen, meist Mordfällen. Oft sind Amateure in die Fälle verstrickt oder Detektive mit ihrer Aufklärung betraut. Und auch wenn es tatsächliche Polizisten sind (wie die Kommissare der Tatort-Bibliothek), bleibt meist die Beschränkung auf ein Kernverbrechen bestehen. Dagegen behandelt der Polizei-Krimi die Polizeiarbeit in einer realistischen Manier, als Arbeit an vielen Fällen, die oft nichts miteinander zu tun haben. Schon die frühen Maigret-Romane Georges Simenons gehörten dem Genre an (verfilmt etwa als Quai des Orfèvres, Frankreich 1947); Lawrence Treats Roman „V as in Victim“ gilt als erster US-amerikanischer Beitrag. Semidokumentarische Polizeifilme wie The Naked City (USA 1948), The Street with No Name (USA 1948), T-Men (USA 1947) und Border Incident (USA 1949) etablierten das Sujet im Kino, in dem immer wieder Polizei-Krimis liefen (bis zu The French Connection, 1974, Gorky Park, 1983, oder Fargo, 1995).
Die TV-Serie Dragnet (USA 1951-59) widmete sich als eine der ersten Fernsehproduktionen der Polizeiarbeit, doch erst die Romane, die Ed McBain seit Mitte der 1950er Jahre im 87. Revier der imaginären Stadt Isola (das Vorbild New York ist unschwer zu erkennen), wurden zum Vorbild für zahllose Polizeiserien des Fernsehens; neben McBain haben Autoren wie Maj Sjöwall & Per Wahlöö, Henning Mankell oder Donna Leon Vorbilder geliefert, die bis heute in Film und Fernsehen ein z.T. vielgestaltiges Leben führen. Nicht mehr die Enthüllung des Täters steht im Zentrum, sondern die Demonstration der Ermittlungsarbeit (Exegese der Indizien, Auftreiben von Zeugen, Identifizieren von Widersprüchen, Suche nach Tatmotiven, Perfektion des Verhörs, neuerdings auch die Mittel der forensischen Medizin u.a.m.). Noch in den 1960ern kämpfte der Polizist Eliot Ness in The Untouchables (USA 1959-63) gegen das organisierte Verbrechen im Chicago der 1930er Jahre. Die australische Serie Homicide (1964-1977) mischte Elemente des Ein-Fall-Krimis und des Polizeiermittlungs-Formats. In den 1980ern instrumentierte Hill Street Blues (USA 1981-87) die schwierige Integration engagierter Polizeiarbeit mit einem Privatleben; Law & Order (USA 1990ff) erweiterte die Darstellung der Ermittlungsarbeit um die Verhandlung einer Tat vor Gericht; und NYPD Blue (1993-2005) erprobte ein Format mit mehreren Protagonisten, setzt fast life-dokumentarische Mittel ein und suchte einen extremen Realismus umzusetzen.

Literatur: Police procedural. In: Wikipedia, URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Police_procedural. - Berliner, Todd: The genre film as booby trap: 1970s genre bending and The French Connection. In: Cinema Journal 40,3, 2001, S. 25-46. – Inciardi, James A. / Dee, Julliet L.: From the Keystone Cops to Miami Vice. Images of policing in American popular culture. In: Journal of Popular Culture 21,2, 1987, S. 84-102.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HHM


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