Lexikon der Filmbegriffe

Pseudo-Dokumentarfilm

engl.: faked documentary, fake documentary

Pseudo-Dokumentarfilme sind Spielfilme, die sich der Konventionen des Dokumentarfilms bedienen (verwackelte Kamera, Ereignis mit „unvorhergesehenen Momenten“, gesellschaftskritische Themen, Direkt-Adressierung des Publikums etc.), um als filmisches Zeugnis eines realen Geschehens wahrgenommen zu werden – sei es, um eine Authentifizierung des Dargestellten vorzunehmen, sei es, um die größere Intensität der Wahrnehmung eines als „real“ angenommenen Geschehens auszunützen (wie in Peter Watkins‘ Pseudo-Reportage Punishment Park, 1971), sei es, um eine filmische Lüge oder Täuschung zu vollziehen (wie in Blair Witch Project, 1999, und seinen Verwandten) – im frühen Film z.B. intendierte die gestellte Szene, für etwas gehalten zu werden, was sie gar nicht war.
Oft sind diese Filme erst spät oder sogar gar nicht als Fiktionen zu erkennen. Gelegentlich machen sie aber den changierenden eigenen Status zum Thema, nehmen eine reflexive Haltung zum eigenen Verfahren ein (wie in David Holzman‘s Diary, 1967, Jim McBride, oder in Peter Jacksons Mocumentary Forgotten Silver, 1995, über einen erfundenen neuseeländischen Filmpionier). Das mag gelegentlich eine Strategie der Ironie und des Augenzwinkerns sein. Interessanter aber ist die Situation dann, wenn ein Film durch seine „Falschheit“ provozieren will, die häufig unhinterfragten Konventionen des Dokumentarfilms sowie den Glauben des Publikums an seine Authentizität aufdecken. In solchen Fällen hat er einen sowohl sozialpolitischen wie didaktischen Anspruch.
Konstruktivistische und simulationstheoretische Ansätze beschreiben Voraussetzungen dafür, dass Fake-Documentaries oft als provozierend wahrgenommen werden: Durch die über die Filmgeschichte beim Zuschauer etablierten Erwartungsmuster an bestimmte Genres und deren Regeln ist es erst möglich geworden, Fiktionen als „echt“ zu kennzeichnen und dadurch „Realitäten zu schaffen“. Diese dem Spielfilm und dem echten Dokumentarfilm innewohnende Potenz wird im Pseudo-Dokumentarfilm ironisch überzeichnet und dadurch entborgen (wie etwa in Jean Rouchs ethnographischen Dokumentarfilm-Fiktionen).

Literatur: Heinz B. Heller: Dokumentarfilm als transitorisches Genre. In: Die Einübung des dokumentarischen Blicks. Fiction Film und Non Fiction Film zwischen Wahrheitsanspruch und expressiver Sachlichkeit 1895-1945. Hrsg. v. Ursula von Keitz u. Kai Hofmann. Marburg: Schüren 2001, S. 15-26. – Kerstin Kratochwill / Almut Steinlein (Hrsg.): Kino der Lüge. Bielefeld: transcript 2004. – Manfred Geier: Fake. Leben in künstlichen Welten. Mythos, Literatur, Wissenschaft. Reinbek: Rowohlt 1999.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PB SH


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