Lexikon der Filmbegriffe

Psychiater im Film I: Typologie

Im Lauf der Filmgeschichte wurde die Figur des Psychiaters aus der medizinisch-institutionellen Psychiatrie der Großkrankenhäuser und Privatkliniken und -sanatorien mit einem reichen Spektrum von Rollen und Eigenschaften belegt, das eng mit dem öffentlichen Ansehen zusammenhängt, welches die Psychiatrie zur jeweiligen Zeit genoss. Der Dreh- und Angelpunkt aller Schattierungen des Psychiaters im Film ist das emotionale und persönliche Engagement des Psychiaters (und spielt natürlich auch in der beruflichen Wirklichkeit realer Psychiater eine entscheidende Rolle).


Die Beziehungen, die der Psychiater zu seinen Patienten, zu den Vorstellungswelten der Kranken und schließlich zu seinen eigenen Empfindungen hat, legen seine Möglichkeiten und Grenzen fest. Das Einüben einer empathischen Beziehung zwischen Arzt und Patient, das das Verhältnis von Nähe und Distanz reguliert, ist eines der verdeckten Themen aller Helfer-Filme (und findet sich z.B. zentriert in Cassevetes‘ A Child Is Waiting, 1963, der in einer Anstalt fürautistische Kinder spielt). Es gibt "kühle Formen" der Arzt-Patient-Begegnung, der Psychiater hält hier alle Erscheinungen und Empfindungen der Psychose bzw. des Psychotikers von sich fern, er ist professionell, „abgeklärt-objektiv“ und „fremd“. Er steht über den Dingen und hat die Situation unter Kontrolle (das Ringen um diese Kontrolle findet sich bis in neuere Fernsehformen wie die englische Serie Cracker / Fitz, 1997). In jüngster Zeit tauchen überkalte Figuren auf, die so in Routine und Distanz erstarrt sind, dass sie eher von ihren Patienten therapiert werden können als umgekehrt (wie in Jeremy Levens Don Juan de Marco, 1995). Es gibt aber auch die „heißen Formen“, der Psychiater lässt den Patienten an sich herankommen, verliebt sich in ihn (immer noch prototypisch: Spellbound, 1945, Alfred Hitchcock). Manche lassen gar die Krankheit an sich herankommen, liefern sich der „kranken“ Wirklichkeitsvorstellung oder einer ungehemmten Handlungsenergie aus. Mörder-Psychiater wie der aus Brian de Palmas Dressed to Kill (1980) zeigen die Fragilität des psychischen Gleichgewichts.


Ganz ähnliche Charakteristika hat auch der Psychoanalytiker auf sich versammelt (zumal wie in Spellbound Psychiater und Psychoanalytiker in unmittelbare Nähe zueinander gerückt werden).


Literatur: Wulff, Hans J.: Psychiatrie im Film. Mün­ster: MAkS Publikationen 1995, cap. 12.


Artikel zuletzt geändert am 15.06.2016


Verfasser: HJW


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