Lexikon der Filmbegriffe

Psychiater im Film II: Geschichte

Noch in den 1950er und 1960er Jahren ist der Psychiater (resp. oft auch der Psychoanalytiker) eine patriarchale Helfer- und Erklärer-Figur, die in die oft unerklärlich scheinenden Beschädigungen traumatisierter und psychopathischer Gefühlswelten eindringen und das Geschehen resp. die Persönlichkeit des oft kriminellen und gewalttätigen Kranken erklären kann. Es sind Filme wie Three Faces of Eve (1957) über eine an Bewusstseinsspaltung leidende amerikanische Hausfrau, die Vater-Sohn-Geschichte Fear Strikes Out (1957), eine Traumatisierung in Suddenly Last Summer (1959) oder in Psycho (1960) über eine fatale Sohn-Mutter-Bindung, die den Psychiater als Erklärer- und Aufklärerfigur inszenieren.


Allerdings deutet sich das Bild des Psychiaters als Handlanger der herrschenden Verhältnisse, als repressive sozial- und individualpsychologische Kraft, als konservativ-reaktionäre Figur der folgenden Jahre hier schon an. Vor allem in den 1960er Jahren wurden Psychiater als Handlanger einer repressiven Gesellschaft gezeichnet, die die Aufgabe haben, die nichtangepassten Mitglieder der Gemeinschaft zu unterdrücken oder zu kastrieren. Beispiele sind A Fine Madness (1966), One Flew Over the Cuckoo‘s Nest (1975) und The Other Side of Hell (1978), die von der Auflehnung von Patienten gegen die Psychiater-Herrschaft in der psychiatrischen Klinik erzählen. Der Psychiater wird als Helfer zusehends machtlos; ein prägnantes Beispiel ist The Prisoner of Second Avenue (1974), der die psychosozialen Katastrophen behandelt, die ein Patient infolge Arbeitslosigkeit erleiden muss.


Erst im Film der späten 1980er Jahre wird der Therapeut wieder mit dem Patienten gegen alle anderen Institutionen solidarisiert. Frühe Beispiele sind I Never Promised You a Rose Garden (1977) und Ordinary People (1980).


Literatur: Gabbard, Krin / Gabbard, Glen O.: Psychiatry and the cinema. Chicago, Ill.: University of Chicago Press 1987. – Rabkin, Leslie Y.: The celluloid couch: Psychiatrists in Amer­ican films. In: Psychocultural Review 3, 1979, S. 73-90. – Schneider, Irving: The psychiatrist in the movies: The first fifty years. In: The psychoanalytic study of literature. Ed. by Joseph Reppen & Maurice Charney. Hills­dale, N.J.: Analytic House 1985, S. 53-67.


Artikel zuletzt geändert am 15.06.2016


Verfasser: HJW


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