Lexikon der Filmbegriffe

Rhizom

griech. = Wurzelstock, Erdspross

Der ursprüngliche Begriff des Rhizoms stammt aus der Botanik und bezeichnet ein wurzelartiges Geflecht, welches an den Spitzen unbegrenzt weiterwächst, während ältere Teile allmählich absterben. Es wurde von Deleuze und Guattari als Gegenmodell gegen die Ableitungsstrukturen rationaler Argumentation gesetzt, um anzudeuten, dass es netzartige symbolische Assoziations-Ganzheiten gibt, die nicht dem Postulat der Rationalität, Intersubjektivität und Kontrolle unterworfen sind. Anders als zentrierte (oder auch polyzentrische) Systeme mit hierarchischer Kommunikation und feststehenden Beziehungen ist das Rhizom ein azentrisches, nicht hierarchisches und asignifikantes System ohne die Position eines Binnen-Kontrolleurs. Zwar hängen alle Teile miteinander zusammen, aber es gibt kein dominierendes und durchgängig beibehaltenes Formprinzip. Die bestimmenden Charakteristiken sind (1) Konnexion – alles hängt mit allem zusammen –, (2) Heterogenität – die Elemente sind nach verschiedenen Regeln gebildet und verknüpft –, (3) Vielheit – die Verbindungen zwischen Elementen ergeben Unmengen von inneren Verbindungen –, (4) asignifikanter Bruchs – Rhizome können partiell zerstört oder geteilt werden, ohne dass sie aufhörten zu wachsen –, (5) Kartographie und (6) Dekalkomonie – Rhizome sind Karten, keine Kopien. Diese Eigenschaften zeichnen rhizomatische Strukturen gegen alle Sprachformen aus. Die modellhafte Vorstellung des Rhizoms ist vor allem als Metapher von Wissensstrukturen angesehen worden, wurde aber auch als Bild nichtsprachlicher semantischer Beziehungen angesehen, wie sie sich z.B. in filmischen Strukturen, in Geisteskrankheiten oder Träumen artikulieren können.

Literatur: Deleuze, Gilles / Guattari, Félix: Rhizom. Berlin: Merve 1977 (Internationale Marxistische Diskussion. 67.). – Deleuze, Gilles / Guattari, Félix: Rhizom. In ihrem: Tausend Plateaus. Berlin: Merve 1992.


Artikel zuletzt geändert am 24.07.2011


Verfasser: HJW


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