Lexikon der Filmbegriffe

Bethelfilm

auch: Bethel-Film; im Jahre 1867 gründete der evangelische Theologe Friedrich von Bodelschwingh in dem heutigen Bielefelder Stadtteil Bethel eine evangelische Krankenanstalt für Anfallskranke und milieugeschädigte Jugendliche; 1869 wurde in unmittelbarer Nachbarschaft die Westfälische Diakonissenanstalt Sarepta gegründet, die Westf. Diakonenanstalt Nazareth kam 1877 hinzu; die ursprüngliche Privatanstalt für Innere Mission wandelte sich im Lauf der Zeit unter staatlicher Kontrolle immer mehr zu einem evangelisch-christlich-missionarisch geprägten Großkonglomerat aus psychosozialen Fürsorge- und Betreuungsstätten für Jugendliche und Alte, medizinischen Kliniken und Forschungsinstituten, Behindertenwerkstätten, Erziehungs-, Bildungs- und Schulungseinrichtungen und allgemein auch Arbeits-, Wohn- und Lebensgemeinschaften unter der Sammelbezeichnung (ab 1921) „Die Bodelschwingh'schen Anstalten“

Eine Einrichtung wie Bethel war durch ihren erheblichen Kapitalbedarf immer auch auf finanzielle Hilfe durch Dritte angewiesen, und man verlegte sich dort deshalb schon früh darauf, die jeweils zur Verfügung stehenden Massenmedien zu Zwecken der Spendeneinwerbung zu nutzen. In den Jahren 1922 bis 1941 entstanden so zunächst einige Kurz-Dokumentarfilme unter der Regie der (1936 verstorbenen) Sozial- und Industriefilmerin Gertrud David und ihrer Produktionsfirma Gervid Film GmbH Berlin, dann auch Filme mit Spielhandlung, die alsbald unter der Eigenbezeichnung ‚Bethelfilme‘ bekannt wurden – zu Zwecken der historischen Dokumentation, aber auch zur Propaganda der eigenen Errungenschaften und Leistungen in christlich-diakonischer Wohlfahrtspflege. Einem größeren Kreis bekannt wurden Filme wie In den Spuren Vater Bodelschwinghs (in 6 Akten, 1931, Gertrud David, Kamera: Sophus Wangöe; 2008 restauriert auf DVD, 80 min), Ringende Menschen: Die Tragödie einer Familie (in 5 Akten, 1933, Gertrud David, Kamera: Walter Robert Lach), über das Schicksal einer Epileptikerfamilie, sowie Saat und Segen in der Arbeit von Bethel (1937). Ringende Menschen wurde trotz Nachbearbeitung 1937 verboten. Bei Saat und Segen, in dem es um die Betreuung Epilepsiekranker geht, war das Reichspropagandaministerium mitbeteiligt; der Film wurde nach 1945 bearbeitet und in den 1950er Jahren in einer „entnazifizierten“ Form wieder gezeigt. Trotz des Misstrauens der Machthaber – die Filmstelle Bethel wurde 1940 aufgelöst – gelang es Friedrich von Bodelschwingh, dem Sohn des Gründers, seine Kranken weitgehend vor den Folgen des NS-Euthanasieprogramms zu schützen.

Literatur: Haase, Bartolt: ‚Komm und sieh!‘ Der Bethelfilm 1922-1941. In: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 100, 2005, S. 397-418. – Jasper, Gerhard: Ringende Menschen. Bilder aus Bethels Arbeit an den Fallsüchtigen, Wanderarmen und Heimatlosen. Eine Erinnerung an den gleichnamigen Bethelfilm. Bethel bei Bielefeld: Schriftenniederlage der Anstalten Bethel 1935.

Referenzen:

Missionsfilm


Artikel zuletzt geändert am 03.03.2012


Verfasser: LK


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