Lexikon der Filmbegriffe

Medienkulturwissenschaft

Beginnend mit Helmut Kreuzers Forderung nach einer „Erweiterung des Literaturbegriffs“ hat es seit 1975 in der BRD eine ganze Reihe von Versuchen gegeben, die Literaturwissenschaft als Medienwissenschaft und/oder als Kulturwissenschaft neu zu begründen, das Gegenstandsfeld zu erweitern und die besonderen technischen, institutionellen und semiotischen Bedingungen zu reflektieren, wenn man Literatur als nur eines der medialen Formate begreift. In einem Prozess, in dem es nicht nur um die Auslotung von Gegenstandsfeldern und Methodologien ging, sondern vor allem auch um die Reklamierung von Mitteln, um Stellenpläne und um Ausbildungskonzepte für die Medienberufe, wurde gegen die sich eher sozialwissenschaftlich-empirisch verstehende Publizistik- und Kommunikationswissenschaft eine philologisch-hermeneutische Medienwissenschaft gestellt. In diesem Kontext hat Siegfried J. Schmidt den Begriff einer Medienkulturwissenschaft eingeführt, in dem Medien als Instrumente der Wirklichkeitskonstruktion aufgefasst werden. Kultur ist immer Medienkultur; wer die Wirklichkeitsmodelle einer Gesellschaft verstehen will, muss die Leistung der Medien bei ihrer Konstitution reflektieren. (1) Medientheorie, (2) Mediengeschichte und (3) Formate und Genres, die sich in den unterschiedlichen Medien entwickelt haben, gelten in der einen Lesart (etwa: Schneider) als Teilbereiche der neuen Überwissenschaft; in einem anderen Zugriff (z.B. Schmidt) differenziert sich das Feld der Medienkulturwissenschaft in vier Subbereiche aus: (1) Kommunikationsmittel / die als Zeichen verwendeten Materialien, (2) Geräte und Techniken zur Erzeugung von Medienangeboten, (3) Organisationen zur Entstehung und Verbreitung von Medienangeboten, (4) Medienangebote = Resultate der Verwendung von Kommunikationsmitteln. In welche Relation die Medienkulturwissenschaft zu so entwickelten Teil-Medienwissenschaften wie die Filmwissenschaft zu stellen und wie mit den Prozessen der (produktiven und passiven) Aneignung umzugehen ist, ist bei allen Diskussionen bislang dunkel geblieben.

Literatur: Görling, Reinhold: Medienkulturanalyse ‑ Skizzen eines interdisziplinären Faches. In: Mediale Markierungen. Studien zur Anatomie medienkultureller Praktiken. Hrsg. v. Simone Dietz und Timo Skrandies. Bielefeld: transcript, 2007, S. 13‑43. – Liebrand, Claudia / Schneider, Irmela / Bohnenkamp, Björn / Frahm, Laura (Hrsg.): Einführung in die Medienkulturwissenschaft. Hamburg/Münster: Lit 2005. – Schmidt, Siegfried J.: Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Konstruktivistische Bemerkungen zum Zusammenhang von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur. Frankfurt: Suhrkamp 1994. Mehrere Neuaufl.


Artikel zuletzt geändert am 19.10.2012


Verfasser: HJW


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