Lexikon der Filmbegriffe

Musical: dual focus structure

Die thematische Fixierung der meisten Hollywoodmusicals auf die Dramatisierung von Musical-Inszenierungen selbst (meist Backstage-Musical genannt) bedingt eine für das Genre insgesamt konstitutive dichotome Grundstruktur (dual focus structure), welche der im Hollywood-Kino etablierten „cause/effect"-Syntax zuwider läuft. Vielmehr herrscht die Opposition grundverschiedener Größen vor. So geht eine Diskrepanz „Bühnenwelt/Gesangsnummer vs. diegetische Film-Wirklichkeit/Dialog“ mit der Gegenüberstellung „Mann=Schöpfer/Blick vs. Frau=ausgestelltes Kunstprodukt“ einher. Im Laufe der Filmhandlung erfolgt eine Parallelführung von erfolgreicher Show-Produktion, der Verwandlung der Frau zum Star und dem positiven Ausgang der Liebesgeschichte, die sich zwischen den Protagonisten der Show respektive des Films anbahnt. Es kommt im Finale zur Überbrückung der Gegensätze - Realität und ideale Kunst/Show-Welt werden letztlich eins. Dem dualistischen Aufbau und dem „Spiel-im-Spiel“-Motiv (einer klaren mise-en-abyme-Struktur) inhärent ist außerdem ein selbstreflexives Moment, welches in den frühen Busby-Berkeley-Musicals zwar schon angelegt ist, aber erst in den 1940er/50er Jahre im Rahmen der von RKO produzierten Astaire/Rogers-Musicals sowie den Filmen der MGM-Reihe (Freed Unit) in den Vordergrund gerückt wurde (der Zuschauer wird auch häufig direkt adressiert). Die Mechanismen des Genres sowie des Star-Systems werden hier einerseits entlarvt und auch der monetäre Aspekt des Show-Business bewusst herausgestellt; andererseits wird am Ende das Prinzip des „That‘s Entertainment“ als übergeordnete Maxime wieder eingerichtet (so z.B. in Singin‘ in the Rain, 1952, oder The Band Wagon, 1953). (IL)


Literatur: Altman, Rick: The American Film Musical. Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press 1987.

Referenzen:

Backstage-Musical

dual focus narrative


Artikel zuletzt geändert am 07.02.2012


Verfasser: IL


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